Vom ledigen Gemüt

Ein Beitrag zum Themengebiet 6_Körperwege - Übungswege, geschrieben am 10. September 2009 von Chamcham

Grundvoraussetzung des “Allerkräftigsten Gebets und allerhöchsten Werks”, beides also, die Voraussetzung einer Meditation wie die des daraus resultierenden wirksamen Tuns, ist laut Meister Eckhart das “ledige Gemüt”.

“Was ist ein lediges Gemüt?” fragt Eckart seine Schüler. Die Antwort lautet:

“Das ist ein lediges Gemüt, das von nichts belastet oder verwirrt, an nichts gebunden ist, das seine besten Kräfte in keiner Weise festgelegt hat, das nirgendwo das Seine meint, sonders das ganz und gar in den liebsten Willen Gottes versunken und aus dem eigenen ausgegangen ist. Der Mensch kann kein noch so unbedeutendes Werk verrichten, wenn er nicht hieraus seine Kraft und seine Fähigkeit schöpft. So kräftig soll man beten, als ob man wollte, daß alle menschlichen Glieder und Kräfte: Augen, Ohren, Mund, Herz und alle Sinne darauf gerichtet wären und nicht eher aufhören, als bis man merkt, daß man auf dem Wege ist, sich mit dem zu vereinigen, den man gegenwärtig hat und zu dem man betet, das ist Gott.”

Übung als Weg: West und Ost

Ein Beitrag zum Themengebiet 1_Allgemeines, 6_Körperwege - Übungswege, geschrieben am 6. September 2009 von Chamcham

Anfang des 13. Jahrhunderts schreibt ein Denker des späten Mittelalters Texte nieder, die wie eine Übung, eine Anweisung zur täglichen Meditation anmuten. Vieles erinnert an den Weg der ungegenständlichen Meditation des Ostens. Meister Eckart ist der Autor.

Im 2. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung wurden die klassischen Lehrsprüche des Patanjali – die Grundlage aller Yoga Systeme – niedergeschrieben. Der Text soll den Übenden schrittweise, ohne Askese und ohne Unterdrücke der Denkvorgänge, zum Verständnis der Wirklichkeit führen.

Ich will in mehreren nachfolgenden Artikeln diese Wege durch Zitate und Erläuterungen durch einfaches Nebeneinanderstellen skizzieren.

Wer sich dafür interessiert, kann mehr darüber lesen in:
Erika Albrecht, Meister Eckarts Sieben Grade des schauenden Lebens, Aachen, 1987
Patanjali, Die Wurzeln des Yoga, Elfte Auflage 2005, Hrsg. von Bettina Bäumer

Was bleibt?

Ein Beitrag zum Themengebiet 1_Allgemeines, 5_Denken im Dunkeln, geschrieben am 29. April 2009 von Chamcham

Was bleibt? Ist Peter Abaelard gescheitert?
So schillernd sein Lebenslauf wirkt, im Grunde genommen ist er nichts anderes als eine ununterbrochene Abfolge von Katastrophen und Niederlagen. Die meisten Zeitgenossen verstanden Peter Abaelard nicht; einige machten ihn am Ende mundtot. Seine Lehren versanken mehr oder minder in einer ungerechten Anonymität: Namhafte Theologen und Philosophen – selbst so berühmte wie Petrus Lombardus oder Thomas von Aquin – haben seine Methodik und Lehren übernommen, aber keiner von ihnen hat ihn je zitiert.

Ich sehe seine epochale Leistung vor allem in der Verbindung von Theorie und der gelebten Erfahrung. Die Verbindung von Geist und Seele – animus und anima – prägen seine leidenschaftlichen theoretischen Erörterungen wie die intimsten Lebensbeschreibungen. Bei aller Provokation, die er seinen Mitmenschen zugemutet hat, er liebte und verteidigte letzlich das Leben, und seine Nähe zu allem Lebendigen steckt an, auch wenn der Hintergrund Verzicht auf Liebe, Anerkennung und freie Lebensgestaltung war.