Zur-Ruhe-Kommen

Zu-Ruhe-Kommen, das Loslösen von den immergleichen Mustern ist das Ziel der Übung in den Yoga-Sutren des Patanjali.

abhyasa-vairigyabhyam tan-nirodhah.
Das Zur-Ruhe-Kommen der seelisch-geistigen Vorgänge erlangt man durch Übung (abhyasa) und Loslösung (vairagya).

Trotz Loslösung bleibt der Mensch in der Welt, ist untrennbarer Bestandteil des geistigen Kosmos wie auch der äußeren Erscheinungswelt. Es ist eine Beziehungsfrage zwischen Welt und Mensch, Mensch und Welt, die hier geklärt werden soll.

tatparam purusa-khyater guna-vaitrsnyam.
Das Nicht-Begehren der Erscheinungswelt, das zu der Schau des ursprünglichen Menschen (purusa) führt, ist die höchste Form der Loslösung.

Ein Sehen, das von irgendeiner Identifizierung verstellt oder getrübt ist, ist kein Sehen. Es verstellt die Sicht auf die Wirklichkeit. Daher ist es ein wichtiger Teil der Übung, dass der Mensch seine Beziehung zur Welt klärt, nicht Opfer seiner eigenen oder fremder Vorstellungen wird. Es geht darum, dass er die Welt als einen Teil seiner selbst “durch-schaut”, diese als wesensgleich wahrnimmt, sich in ihr spiegelt. Zur Ruhe gekommen kann sich die Entwicklung des Kosmos im Menschen selbst vollziehn. Frei. Nach dem Gesetz der ursprünglichen Wirklichkeit.

2 Kommentare zu “Zur-Ruhe-Kommen”

  1. T.M. schreibt:

    Aber sehen ohne Identifizierung hieße objektives Sehen, sehen ohne Subjekt, oder zumindest gänzlich frei von subjektiven Einflüssen. Ha, viel Spaß mit zwei Menschenaugen …

  2. Chamcham schreibt:

    lieber T.M., Sehen ohne Identifizierung muss nicht gleich objektives Sehen sein. Ich würde mal sagen, so wie alle Religionen eine letzte Wirklichkeit (=Gott) als Grund und Sinngebung des Lebens setzen, so auch hier. Das Letzte wird nicht hinterfragt, so kann der Anhänger der religiösen Gruppe getrost seinen Blick darauf richten und sich allmählich ‘entblättern’, Muster loslassen, Identikifationen sein-lassen.
    Bemerkenswert finde ich, dass in orthodoxen Religionen diese Setzung des letzten Grundes sehr rigide, fast statisch geschieht. In spirituellen Richtungen, in denen auch Körperarbeit seinen Platz hat, bleibt dieses Letzte ein Geheimnis, das sehr nah dran ist am Individuellen (vgl. oben ‘purusa’, die Schau des ursprünglichen Menschen).
    Ich würde mal sagen, damit ist ein zweiter, neuer und freierer Blick auf die eigene Existenz gemeint.

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