Vom Gott-werden

Die Kräfte des Menschen sind Eines. Die göttliche Dimension ein Anderes. Wie und wo begegnen sie sich?
Eckart benennt die Ich-Kräfte des Menschen ohne zu urteilen. Die Dinge sind, wie sie sind. Da die Verstandeskräfte, das Begehren. Der Zorn! Kräfte, zum Werden bestimmt. Dort, das Licht Gottes.

Zwar können die Eigenkräfte dem reinen Blick auf das Göttliche im Wege stehn. Dennoch sind es Knospen, die in einem immerwährenden Schöpfungsprozess, an dem jeder Mensch und alle Geschöpfe teilhaben, erblühen und zu ‘höheren Kräften’ werden, zu denen laut Eckart zB. auch die Liebe gehören.

In einer Übungssequenz geht es Eckart darum, die Gegenüberstellung Mensch – Gott zu inszenieren. Der Mensch “wird Gott” im Betrachten eines Bildes. Ein Bild, das nicht statisch und gesetzt, sondern frei und in Entfaltung begriffen ist. Der Mensch gerät im Schauen in ein Feld hinein, das er selbst ist. Selbst sein kann: Wie Gott.

“Zum anderen, (…) soll der Mensch bedenken, wie Gott seine Seele geliebt hat, dass er sie nach dem Bilde der Dreifaltigkeit schuf und dass sie all das aus Gnade werden kann, was Gott von Natur ist.”

2 Kommentare zu “Vom Gott-werden”

  1. Jürgen schreibt:

    Auf der Reise durch Philotopia mag ich an dieser Stelle kurz verweilen…
    Wird der Mensch “Gott” im Betrachten eines Bildes? Können wir Gott und Mensch gegenüberstellen? Unser dualistisches Weltbild hat uns von Gott, vom Urgrund getrennt. Gott und Mensch sind eins, Jesus spricht vom Weinstock und Rebzweigen. Gott kann uns nicht gegenüberstehen, er ist die Quelle die uns hervorbringt.

  2. Chamcham schreibt:

    Oh, ein Mensch schreibt, wie schön! :) Nun, ich referiere, was der “Meister” sagt: Meister Eckart. Aller Entfremdung zum Trotz rückt er Mensch und Gott in eine Nähe, die beinahe gefährlich anmutet: was heisst anmutet. Es WAR definitiv gefährlich, für die Zuhörer seiner Predigten wie für ihn, diese Nähe. Darf sich der Mensch dem Göttlichen nähern? Und wenn ja. Wie nah darf er kommen? Das Bild des wahren Menschen geht ins Bild des wahren Gottes über. Und verschwimmt. Noch in diesem Augenblick. Dieses Bild kann nicht angeschaut werden. Es blendet. Und darin verschwinden die Grenzen.

    Frage bleibt, ob er damit nicht mit einer Tradition bricht, die aus den jüdischen Wurzeln der christlichen Religion stammt: dem Bilderverbot. Du sollst dir kein Bild machen! Ich denke, sicherlich ist dieses Bilderverbot teil des Sprachspiels, in das Meister Eckart uns mit hineinnimmt. Seine Bilder sind jedoch teil einer Dynamik, einer Dynamik der Annäherung. Vorrausetzung einer gegglückten Annäherung ist das tiefe Vertrauen des Menschen in seine eigene Göttlichkeit und die Verbindung zwischen den Welten Gott-Mensch. Und: wer weiss, hat Meister Eckart möglicherweise die östliche Spiritualität gekannt, die ich mit den Schriften der Patanjali skizziert habe?

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