Zur Sache: Liebe.

Zurück zu den Dingen: auch Peter Abaelardus war kein Kostverächter und schätze es durchaus, die Dinge zu spüren, anzufassen und die Welt mit den Sinnen auszuloten. Nun denn, an Heloise, einer Nonne, die das Zölibat geschworen hattte, fand er außerordentlich Gefallen. Und hat damit die Leidenschaft entdeckt.

So schreibt Abaelard über seine Unterrichtsstunden mit ihr:
“Da wurden über dem offenen Buch mehr Worte über Liebe als über Lektüre gewechselt; da gab es mehr Küsse als Sprüche. Nur allzu oft zog es die Hand statt zu den Büchern zu ihrem Busen, und öfter spiegelte Liebe die Augen ineinander, als dass die Lektüre sie auf die Schrift lenkte; ja, um jeden Verdacht unmöglich zu machen, gab es einige Male Schläge. Aber es war Liebe, nicht Grimm, Neigung, nicht Zorn, und sie überboten die Süße von allem Balsam der Welt. Kurz: keine Stufe der Liebe ließen wir Leidenschaftlichen aus, und wo die Liebe etwas Ungeheuerliches erfinden konnte, wurde es mitgenommen. Und je weniger wir bisher diese Freuden erfahren hatten, um so glühender verharrten wir in ihnen und um so weniger wandelten sie sich in Überdruss.”

Einziges Drama: diese seine Liebschaft wurde entdeckt. Doch da packte Abaelard die Gelegenheit beim Schopfe und schrieb auf, wie es ihm ergangen war. Schrieb, wie es denn sei mit der Liebe. Und warum er dennoch, unter allen Umständen, sein heiliges Gelöbnis der Kirche gegenüber nicht aufheben werde. Auf allen Wegen versucht er zu verteidigen, was ihm nicht schlecht oder verwerflich, sondern, ganz im Gegenteil, heilig und schön erschien: der Kuss einer ihn liebenden Frau. Die Wangen, die sich röten, ihre Ergebenheit, ihr Lachen. Der Moment, überhaupt: der Moment; der durch nichts aber auch gar nichts zu unterbinden war.

Er packt den Griffel und schreibt. Und man sollte es nicht glauben: im Moment einer Liebe wird eine Art früher europäischer Rationalismus geboren. Der Mensch fragt sich, aus welchem Grund er eigentlich nicht lieben solle, und warum er nicht zugleich an Gott glauben könne.

Ein “autonomes Individuum” artikuliert sich. Es schreibt auf, ist empört, beklagt durchaus seine Sünden. Und ist dennoch der Meinung, dass es sein müsse. Die eigene Entscheidung, die sich immer wieder neu behauptet und sich erst dabei herausbildet.

Schließlich lässt Abaelard in der Schrift „Historia Calamitatum“ auch Heliose zu Wort kommen. Diese fragt sich, warum alle Welt sich derart aufregt. Sie habe nie die drückende Fessel der Ehe gewollt, allein die Zuneigung (sola gratia) sei es gewesen, die sie an Abaelard gebunden habe.

Zu guter Letzt sieht auch sie ein, dass ein öffentlich geführter Disput mit ihrem Liebsten zum Thema Liebe nur an einem Ort enden könne: im Kloster. Im letzten Kapitel erläutert ein geläuterter Abaelard ihr die Klosterregeln und auch sie begibt sich in die Obhut der Nonnen.

Amen?

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