Archiv für April 2009

Was bleibt?

Ein Beitrag zum Themengebiet 1_Allgemeines, 5_Denken im Dunkeln, geschrieben am 29. April 2009 von Chamcham

Was bleibt? Ist Peter Abaelard gescheitert?
So schillernd sein Lebenslauf wirkt, im Grunde genommen ist er nichts anderes als eine ununterbrochene Abfolge von Katastrophen und Niederlagen. Die meisten Zeitgenossen verstanden Peter Abaelard nicht; einige machten ihn am Ende mundtot. Seine Lehren versanken mehr oder minder in einer ungerechten Anonymität: Namhafte Theologen und Philosophen – selbst so berühmte wie Petrus Lombardus oder Thomas von Aquin – haben seine Methodik und Lehren übernommen, aber keiner von ihnen hat ihn je zitiert.

Ich sehe seine epochale Leistung vor allem in der Verbindung von Theorie und der gelebten Erfahrung. Die Verbindung von Geist und Seele – animus und anima – prägen seine leidenschaftlichen theoretischen Erörterungen wie die intimsten Lebensbeschreibungen. Bei aller Provokation, die er seinen Mitmenschen zugemutet hat, er liebte und verteidigte letzlich das Leben, und seine Nähe zu allem Lebendigen steckt an, auch wenn der Hintergrund Verzicht auf Liebe, Anerkennung und freie Lebensgestaltung war.

Die Verstümmelung

Ein Beitrag zum Themengebiet 5_Denken im Dunkeln, geschrieben am 28. April 2009 von Chamcham

Abaelard bereute seine “Tat”, war bereit, mit Heloise eine Ehe einzugehen, doch der Onkel von Heloise lässt Abaelard überfallen und veranlasst dessen Entmannung. Dieser überlebt die Verstümmelung und tritt tief gedemütigt in die Abtei Saint-Denis ein.

Was bewegt wohl einen Menschen, der bisher kühn seine Sache vertreten hatte, sich derart zurücksetzen zu lassen, Demütigungen hinzunehmen und dem System Kirche durch einen reumütigen Rückzug ins Kloster Recht zu geben?

Auch wenn es heutzutage nicht mehr nachvollziehbar scheint, so beschreibt der Satz “extra ecclesiam nulla salus” die subtile Taktik eines Systems, das Schutz und Heil garantierte, jedoch nur innerhalb dieser Mauern: „Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil!“. Es mag wie eine Verschwörungsformel gegen all die, die draußen stehen, klingen. Für einen Denker des 12. Jahrhunderts war es eine Realität: leben, denken und handeln konnte man nur innerhalb der Kirche, wer sich auch nur einen Schritt aus diesem Gefüge traute, verlor seine Daseinsberechtigung.

Doch nicht genug damit. Der ehemalige Lehrer Abaelards, Rocellinus, der einst seinen Schüler zu seinen gewagten Gedanken ermutigt hatte, schreibt ihm folgenden Schmähbrief:

Certus sum autem, quod masculini generis nomen, si a suo genere deciderit, rem solitam significare recusabit. Solent enim nomina propria significationem amittere, cum eorum significata contigerit a sua perfectione recedere. Neque enim ablato tecto vel pariete domus, sed imperfecta domus vocabitur. Sublata igitur parte, quae hominem facit, non Petrus, sed imperfectus Petrus appellandus es. –

Ich bin mir sicher, dass ein Begriff männlichen Geschlechts seine Signifikanz verliert, wenn das Geschlecht entfallen ist. Es verlieren nämlich Eigennamen ihre Bedeutung, wenn das mit ihnen Bezeichnete seine Vollkommenheit verloren hat. Wenn einem Haus eine Wand oder ein Dach fehlt, dann wird es unvollständiges Haus genannt. Wenn dir also deine Männlichkeit abhanden gekommen ist, dann muss man dich nicht Peter, sondern unvollständiger Peter nennen.

Als würde sich ein Jahrhundert noch einmal in seinem absoluten Denkgefüge suhlen und damit allem weiteren Fortschritt trotzen können, wird der Fragende, Liebende und Denkende an den Pranger gestellt: hier könnt ihr sehen, wie es einem geht, der es wagt, ohne den Segen der Kirche zu denken.

Es war ein Leichtes, Abaelards moderne Ansätze schlicht fallen zu lassen. Die Gedankenlinie, die von der philosophischen Schule Aristoteles bis hin zu einer logisch durchdachten Religiosität reichen sollte, war mit einem einzigen Argument entkräftet: der „unvollständige Peter“ (= imperfectus Petrus) sorgte noch lange für Gelächter.

Die blinden Blindenführer (= perversi pervertentes) wie Abaelard die Gegner seiner Denkschule nannte, jene, die die Bedeutung der Logik für das Verständnis des Glaubens ablehnten, hatten noch eine Schonfrist.

Zur Sache: Liebe.

Ein Beitrag zum Themengebiet 5_Denken im Dunkeln, geschrieben am 24. April 2009 von Chamcham

Zurück zu den Dingen: auch Peter Abaelardus war kein Kostverächter und schätze es durchaus, die Dinge zu spüren, anzufassen und die Welt mit den Sinnen auszuloten. Nun denn, an Heloise, einer Nonne, die das Zölibat geschworen hattte, fand er außerordentlich Gefallen. Und hat damit die Leidenschaft entdeckt.

So schreibt Abaelard über seine Unterrichtsstunden mit ihr:
“Da wurden über dem offenen Buch mehr Worte über Liebe als über Lektüre gewechselt; da gab es mehr Küsse als Sprüche. Nur allzu oft zog es die Hand statt zu den Büchern zu ihrem Busen, und öfter spiegelte Liebe die Augen ineinander, als dass die Lektüre sie auf die Schrift lenkte; ja, um jeden Verdacht unmöglich zu machen, gab es einige Male Schläge. Aber es war Liebe, nicht Grimm, Neigung, nicht Zorn, und sie überboten die Süße von allem Balsam der Welt. Kurz: keine Stufe der Liebe ließen wir Leidenschaftlichen aus, und wo die Liebe etwas Ungeheuerliches erfinden konnte, wurde es mitgenommen. Und je weniger wir bisher diese Freuden erfahren hatten, um so glühender verharrten wir in ihnen und um so weniger wandelten sie sich in Überdruss.”

Einziges Drama: diese seine Liebschaft wurde entdeckt. Doch da packte Abaelard die Gelegenheit beim Schopfe und schrieb auf, wie es ihm ergangen war. Schrieb, wie es denn sei mit der Liebe. Und warum er dennoch, unter allen Umständen, sein heiliges Gelöbnis der Kirche gegenüber nicht aufheben werde. Auf allen Wegen versucht er zu verteidigen, was ihm nicht schlecht oder verwerflich, sondern, ganz im Gegenteil, heilig und schön erschien: der Kuss einer ihn liebenden Frau. Die Wangen, die sich röten, ihre Ergebenheit, ihr Lachen. Der Moment, überhaupt: der Moment; der durch nichts aber auch gar nichts zu unterbinden war.

Er packt den Griffel und schreibt. Und man sollte es nicht glauben: im Moment einer Liebe wird eine Art früher europäischer Rationalismus geboren. Der Mensch fragt sich, aus welchem Grund er eigentlich nicht lieben solle, und warum er nicht zugleich an Gott glauben könne.

Ein “autonomes Individuum” artikuliert sich. Es schreibt auf, ist empört, beklagt durchaus seine Sünden. Und ist dennoch der Meinung, dass es sein müsse. Die eigene Entscheidung, die sich immer wieder neu behauptet und sich erst dabei herausbildet.

Schließlich lässt Abaelard in der Schrift „Historia Calamitatum“ auch Heliose zu Wort kommen. Diese fragt sich, warum alle Welt sich derart aufregt. Sie habe nie die drückende Fessel der Ehe gewollt, allein die Zuneigung (sola gratia) sei es gewesen, die sie an Abaelard gebunden habe.

Zu guter Letzt sieht auch sie ein, dass ein öffentlich geführter Disput mit ihrem Liebsten zum Thema Liebe nur an einem Ort enden könne: im Kloster. Im letzten Kapitel erläutert ein geläuterter Abaelard ihr die Klosterregeln und auch sie begibt sich in die Obhut der Nonnen.

Amen?