Archiv für März 2009

Ist denken gefährlich?

Ein Beitrag zum Themengebiet 5_Denken im Dunkeln, geschrieben am 5. März 2009 von Chamcham

Nun, es ist und war zu keiner Zeit völlig harmlos, die Welt neu zu sehen, Gewohntes anders zu formulieren und der trägen Masse neue Impulse zuzumuten.  Aber gefährlich?

Die Theologie verstand sich im Mittelalter als Werkstatt für richtige Sätze. Und so wurde das Verhältnis von Gottvater und Gottsohn, d.h, Jesus Christus, zur zentralen Streitfrage im Mittelalter. In den biblischen Texten ist sowohl die Rede davon, daß Jesus Gottes Sohn ist, als auch, daß er mit Gott eines Wesens ist. Und was machen wir nun damit?

Auf einer Synode in Konstantinopel wurde im Jahr 381 festgelegt, dass Gott EINER ist, das sollte allerdings keine philosophische Äußerung zur Essenz des Göttlichen sein, vielmehr wurde damit verbindlich formuliert, wer recht hat: nämlich derjenige, der die volle Gottheit dem Vatergott, dem heiligen Geist aber auch dem Stifter zueignet: Christus ist nicht länger Person mit diversen menschlichen Eigenschaften, nein, er ist Gott. Und das ist das Christentum. Wer diesen Sachverhalt anerkennt, bekennt sich zur Religion, wer es in Frage stellt, ist ein Ketzer.

Die Philosophen, nein, auch die Theologen hatten damit ihre liebe Not. Immerhin müssen Worte, Ideen und Tatsachen immer wieder formuliert, erprobt, ja auch negiert werden um sich dem anzunähern, was ist. Was JETZT und im Kontext eines jeweiligen Denksystems IST.

Und hier beginnt ein Abenteuer, das für manchen tödlich, für viele aber zumindest mit Strafen und Ausgrenzung endet: die Diskussion um das Wesen des Göttlichen findet auch im sogenannten Universalienstreit statt, den die Griechen bereits angezettelt hatten.

Kann ein Allgemeinbegriff die Wirklichkeit darstellen, wie dies Platon schon formulierte, ist ein Ding schon vor seinem Begriff in der Welt (=ante res).
Oder sind die Dinge bloße Namen, die im Menschenkopf geboren werden? Damit wäre jedes Ding, jeder Sachverhalt oder abstrakte Größe erst durch den Begriff in die Welt gekommen (=post res), wie wir es bei Aristoteles finden.

Harmloses Unterfangen, möchte man meinen. Und man ließ so manchen Philosophen auch gerne einen guten Mann sein, so lange dieser es nicht wagte, seine Ideen auf das Trinitätsdogma (Dreifaltigkeitslehre) anzuwenden.
Ein gewisser Johannes Roscelin behauptete seinerzeit etwa, dass Allgemeinbegriffe (=Universalien) im Kopf entstanden seien. So weit so gut. Doch da er außerdem behauptete, die Trinität sei eine Idee, keine Tatsache, wurde es ungemütlich. Denn das würde ja heißen, dass es keinen dreieinigen Gott, sondern wahlweise ein, zwei bis drei Götter, im schlimmsten Fall gar keinen Gott gäbe. Eine solche Einstellung akzeptierte die Kirche nicht und zwang Roscellinus zum Widerruf.

Der französische Philosoph und Theologe Abaelard, der Schüler von Roscelin war, beharrte darauf, dass es unsinnig sei, etwas zu glauben, was nicht mit dem Verstand erfasst werden könne. Und so gab er zu denken, dass keine der Positionen für sich alleine genommen wirklich Sinn mache. In den Allgemeinbegriffen, so Abaelard, spiegele sich durchaus ein in den zusammengefaßten Einzeldingen vorhandenes gemeinsames Wesen wider. Aber diese Allgemeinheiten existieren immer nur in den Dingen, nicht außerhalb von ihnen.

Was daran gefährlich war? Vielleicht die Tatsache, dass hier mehr als ein Satz nötig war, um die Komplexität des Sachverhalts darzustellen. Vielleicht aber auch nur die Auffoderung Abaelards, der dafür plädierte, selber zu denken. Aber davon ein ander Mal.