Archiv für Februar 2009

“Die Zelle” von Heinz Erhardt

Ein Beitrag zum Themengebiet 1_Allgemeines, i_Intermezzo, geschrieben am 20. Februar 2009 von Chamcham

Und weils grade so schön passt: Ein Gedicht von Heinz Erhardt, der heute seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte!

Die Zelle

Das Leben entspringt auf alle Fälle
aus einer Zelle.
Doch manchmal endet’s auch bei Strolchen
in einer solchen.

Vom Gesetz der Zellteilung

Ein Beitrag zum Themengebiet i_Intermezzo, geschrieben am 18. Februar 2009 von Chamcham

Immer wieder wird der Traum von der allumfassenden Einheit zerstört. Wird? Zerstört? Nein, wir sind es wohl selbst, die diese Zellteilung vornehmen. Die Einheit ist Idee, Idealbild. Die Teilung ist das, wohin wir tendieren.

Viel wird in letzter Zeit über den Versuch des Papstes diskutiert,
der auch radikale Kleinstgruppen wie etwa die Piusbruderschaft wieder ins Boot holen will: zurück in den heiligen „Schoß“ der Kirche.
Was mir dabei immer klarer wird ist dies: Kirche war und ist antiaufklärerisch.

Die Aufklärung appelliert an den Menschen, den eigenen Verstand zu gebrauchen, nicht auf ein Diktum von Oben zu warten, sondern eigenständig zu handeln und zu entscheiden.

Die Kirche wie jede Religion handelt im Sinne von Gesetzmäßigkeiten, die jede religiöse Gemeinschaft in ihrem Sinne formuliert und die Gesellschaft danach zu formen versucht. Nicht zu unrecht. Rituale und feste Formen geben Sicherheit und schützen gerade diejenigen, die dem allzu radikalen Gesetz eines Darwin & Co zu Opfer fallen könnten: die sogenannten Schwachen in unserer Gesellschaft.

Dennoch: Die Position der katholischen Kirche lässt vermuten, dass die aufklärerisch-humanistischen Ideen, die nach dem 2. Konzil für gültig erklärt wurden, nicht vereinbart werden können mit den Kernaussagen der christlichen Traditionsliga, der katholisch-papsttreuen Kirche. Steht von hier aus wieder einmal eine Zellteilung an?

Sein oder Nicht-Sein im Mittelalter

Ein Beitrag zum Themengebiet 1_Allgemeines, 5_Denken im Dunkeln, geschrieben am 15. Februar 2009 von Chamcham

Auf die Frage nach einem passenden Deckel für ein unsicheres Zeitalter scheint die christliche Religion wesentliche Antworten zu liefern. Und sie erinnert in ihrem totalitären Gebaren an ein vorheriges Konzept: die polis.
Die christliche Religion im Mittelalter war mindestens ebenso wichtig wie etwa die Frage nach dem Status des antiken Menschen, dessen Zugehörigkeit zur Polis über Sein oder nicht-Sein entschied. Noch Aristoteles bemerkt, dass ein Mensch, der außerhalb des Staats lebe, „entweder ein wildes Tier oder aber Gott sein müsse“. Der Mensch ist demnach zur Realisierung seiner Natur auf die Gemeinschaft, die pólis angewiesen.

Ähnlich wie das Gemeinwesen in der Antike war es Anliegen der christlichen Kultur, aus dem Triebwesen Mensch ein zoon politikon, ein soziales Wesen zu schaffen, unter erschwerten Bedinungen, versteht sich.
Durch die Unruhen der Völkerwanderung verstärkt, wurde Sippe und Familie zum einzigen handlungsfähigen Verband erklärt. Eng wie der Lebensraum war auch der soziale Horizont. Wo Erfahrungen auf kleine Räume beschränkt sind, bieten überregionale, ethnische oder nationale Kategorien keine identitätsstiftenden Merkmale. Als Völker verstehen sich im frühen Mittelalter die Franken, Alamannen, Bayern, Sachsen, nicht aber die Deutschen.

Die Sippe, die Familienzugehörtigkeit war ausschlaggebend. Der Lebensraum der allermeinsten Menschen war das Dorf, es sei denn, sie gehörten zum Adel. Von hier aus organisierte sich die Gesellschaft. Aus der Sippe, gegen oder für weitere Sippenverbände, zum Besten des Gemeinwohls, so weit der Horizont der eigenen Nasenspitze eben reichte.

In dieses Räderwerk einzudringen, Lohnendes zu bieten, Verlockendes einzubringen, Kräfte zu bündeln und in größeren Verbänden zu mobilisieren, darauf verstand sich das christliche Mönchswesen hervorragend. Oder waren hier nur weitere sippenähnliche Interessen aktiv?

Es funktionierte. Was wollen wir mehr. Wo ein Weltbild, da eine Erklärung. Und so erhielt der Fragende eine Antwort, das Leiden einen Sinn, äußere Unruhen fanden den Blick nach Innen, Unpässlichkeiten im Jetzt wurden auf ein späteres Heil vertagt.
Und: ein bemerkenswerter Akt der Selbstvergewisserung ist uns von Augustin überliefert.

Nicht etwa Seelenfrieden, innere Zufriedenheit oder Heilsgewissheit führt Augustin als Beweis des Göttlichen an, nein, der Zweifel sei ein Indiz dafür, dass das Göttliche existiere, und mit dem Göttlichen auch die wahre Natur des Menschen. Denn wo ein Zweifel ist, muss auch ein Wissen darüber bestehen, woran ich zweifle. Ergo: existiert das, was meinen Zweifel betrifft?

So klingt es bei Augustin:

Indem ich zweifle, weiß ich, dass ich, der Zweifelnde, bin; und so enthält gerade der Zweifel in sich die wertvolle Wahrheit von der Realität des bewussten Wesens: selbst wenn ich in allem anderen irren sollte, so kann ich darin nicht irren; denn um zu irren, muss ich sein.” (De beata vita 7)

Paradox: der Zweifel als Mittel zur Selbstvergewisserung. Nicht schlecht. Ich zweifle, also bin ich.