Auf die Frage nach einem passenden Deckel für ein unsicheres Zeitalter scheint die christliche Religion wesentliche Antworten zu liefern. Und sie erinnert in ihrem totalitären Gebaren an ein vorheriges Konzept: die polis.
Die christliche Religion im Mittelalter war mindestens ebenso wichtig wie etwa die Frage nach dem Status des antiken Menschen, dessen Zugehörigkeit zur Polis über Sein oder nicht-Sein entschied. Noch Aristoteles bemerkt, dass ein Mensch, der außerhalb des Staats lebe, „entweder ein wildes Tier oder aber Gott sein müsse“. Der Mensch ist demnach zur Realisierung seiner Natur auf die Gemeinschaft, die pólis angewiesen.
Ähnlich wie das Gemeinwesen in der Antike war es Anliegen der christlichen Kultur, aus dem Triebwesen Mensch ein zoon politikon, ein soziales Wesen zu schaffen, unter erschwerten Bedinungen, versteht sich.
Durch die Unruhen der Völkerwanderung verstärkt, wurde Sippe und Familie zum einzigen handlungsfähigen Verband erklärt. Eng wie der Lebensraum war auch der soziale Horizont. Wo Erfahrungen auf kleine Räume beschränkt sind, bieten überregionale, ethnische oder nationale Kategorien keine identitätsstiftenden Merkmale. Als Völker verstehen sich im frühen Mittelalter die Franken, Alamannen, Bayern, Sachsen, nicht aber die Deutschen.
Die Sippe, die Familienzugehörtigkeit war ausschlaggebend. Der Lebensraum der allermeinsten Menschen war das Dorf, es sei denn, sie gehörten zum Adel. Von hier aus organisierte sich die Gesellschaft. Aus der Sippe, gegen oder für weitere Sippenverbände, zum Besten des Gemeinwohls, so weit der Horizont der eigenen Nasenspitze eben reichte.
In dieses Räderwerk einzudringen, Lohnendes zu bieten, Verlockendes einzubringen, Kräfte zu bündeln und in größeren Verbänden zu mobilisieren, darauf verstand sich das christliche Mönchswesen hervorragend. Oder waren hier nur weitere sippenähnliche Interessen aktiv?
Es funktionierte. Was wollen wir mehr. Wo ein Weltbild, da eine Erklärung. Und so erhielt der Fragende eine Antwort, das Leiden einen Sinn, äußere Unruhen fanden den Blick nach Innen, Unpässlichkeiten im Jetzt wurden auf ein späteres Heil vertagt.
Und: ein bemerkenswerter Akt der Selbstvergewisserung ist uns von Augustin überliefert.
Nicht etwa Seelenfrieden, innere Zufriedenheit oder Heilsgewissheit führt Augustin als Beweis des Göttlichen an, nein, der Zweifel sei ein Indiz dafür, dass das Göttliche existiere, und mit dem Göttlichen auch die wahre Natur des Menschen. Denn wo ein Zweifel ist, muss auch ein Wissen darüber bestehen, woran ich zweifle. Ergo: existiert das, was meinen Zweifel betrifft?
So klingt es bei Augustin:
“Indem ich zweifle, weiß ich, dass ich, der Zweifelnde, bin; und so enthält gerade der Zweifel in sich die wertvolle Wahrheit von der Realität des bewussten Wesens: selbst wenn ich in allem anderen irren sollte, so kann ich darin nicht irren; denn um zu irren, muss ich sein.” (De beata vita 7)
Paradox: der Zweifel als Mittel zur Selbstvergewisserung. Nicht schlecht. Ich zweifle, also bin ich.