Archiv für Juli 2007

Ursprungs-Denken

Ein Beitrag zum Themengebiet 4_Vom Platonismus zum Neoplatonismus, geschrieben am 26. Juli 2007 von Chamcham

Der Mensch ist sich selbst und seiner Umwelt fremd geworden. Hat er wohl vergessen, wo er herkommt?
Laut Plotin spiegelt sich das Verhältnis des Menschen zu Gott im Verhältnis des Menschen zu sich selbst und seinen Mitmenschen wider. Wer Gott als den eigentlichen Ursprung vergesse, vergesse letzlich seine Identität, Wert und Eigenart.

Fatal: die Setzung „Ich“ versus die Welt als „Andersheit“, d.h., sich selbst als getrennt vom großen EINEN zu setzen.  
Ein Spieglein-Spieglein an der Wand: der Blick in den Kosmos, die Vielheit, die im Ursprung, als Keim noch kompakt und damit verstehbar ist, soll den Menschen davor bewahren, sich in tausend Kleinigkeiten zu verlieren.
Worum es geht? Um das Denken des EINEN. Plotin sagt „Gott“, sagt „Vater“. Nicht etwa im christlichen oder herkömmlich religiösen Sinne. Er spricht im Sinne eines natürlich gewachsenen Zusammenhalts, im Bild der Familie. Diese Möglichkeit eines gelebten Bezogenseins realisiert sich in der Erinnerung an unseren Ursprung, sie schafft Sinn und bewahrt im Menschen Selbstachtung und Wertebewußtsein.    

„Was hat denn eigentlich die Seelen ihres Vaters Gott vergessen lassen und bewirkt, dass sie, obgleich Teile aus jener Welt und gänzlich Jenem angehörig, ihr eigenes Wesen sowenig wie Jenen mehr kennen? Nun, der Ursprung des Übels war ihr Fürwitz, das Eingehen ins Werden, die erste Andersheit, auch der Wille sich selbst zu gehören.
An dieser ihrer Selbstbestimmung hatten sie, als sie denn in die Erscheinung getreten waren, Freude, sie gaben sich reichlich der Eigenbewegung hin, so liefen sie den Gegenweg und gerieten in einen weiten Abstand: und daher verlernten sie auch, dass sie selbst von dort oben stammten; wie Kinder die gleich vom Vater getrennt und lange Zeit in der Ferne aufgezogen werden, sich selbst wie ihren Vater nicht mehr kennen.

Da die Seelen nun sich selbst nicht und Jenen nicht mehr sahen, achteten sie sich selbst gering aus Unkenntnis ihrer Herkunft, achteten aber das Andere hoch, hatten vor allem mehr Respekt als vor sich selbst, waren von dem Anderen hingerissen, staunten es an, hängten sich daran, und so rissen sie sich soweit als möglich los von dem, dem sie geringschätzig den Rücken gekehrt hatten.
Somit ergibt sich, dass der Grund für das gänzliche Vergessen jenes Oberen die Hochachtung vor dem Irdischen und die Missachtung ihrer selbst ist. Denn ein Wesen, das etwas bewundert und ihm nachjagt, gesteht eben durch diese Bewunderung und dies Nachjagen ein, ihm unterlegen zu sein; indem es sich aber selbst für geringer schätzt als die Dinge die da werden und vergehen, indem es sich für unwerter und sterblicher hält als all die Dinge die es hochschätzt, kann es niemals den Gedanken von Gottes Wesen und Kraft fassen.“
(aus: Seele – Geist – Eines)