Archiv für Mai 2007

Der wahre Philosoph: ein vom Eros Beseelter

Ein Beitrag zum Themengebiet 2_Diotimas Erben, 4_Vom Platonismus zum Neoplatonismus, geschrieben am 28. Mai 2007 von Chamcham

Etwa zu der Zeit, als die große Epoche antiker Zivilisation ihrem Ende entgegen sah, ruft ein gewisser Plotin seinen Schülern noch einmal das berühmte platonische Eros-Motiv einer gewissen Diotima in Erinnerung: die obere Welt, die Welt des Geistes, sei nicht für jeden zugänglich, und zwar weder für den gleichgültigen und materiell orientierten Menschen, noch für jenen, der die Sinne und den Körper verachtete. Nein, hingelangen könne, wer vom Eros beseelt sei.

Was Plotin damit meint, wird in den eröffnenden Zeilen seiner Schrift “Über den Geist, die Ideen und das Seiende”, deutlich: Die allermeisten Menschen gäben sich bereits mit dem, was sie in der sinnlich wahrnehmbaren Welt vorfänden, zufrieden.

“Indem sie das Schmerzliche und das Lustvolle in ihr (der Welt) zum einen als Übel, zum anderen als Gut auffassen, glauben sie, damit sei es genug und so sind sie ständig damit beschäftigt, dem einen nachzujagen, das andere aber loszuwerden. (…) Gleichsam wie die schwerfälligen Vögel, die, da sie viel von der Erde aufgenommen haben und schwer geworden sind, nicht in die Höhe fliegen können.”

Die Spezie Mensch, die sich mit aller Kraft in die Welt des Geistes “gleichsam über die Wolken und den Dunst dieser Welt hinaus” bewege und von dort aus alles Irdische, alles “Hiesige aus Freude an dem Ort, der wahr und ihr eigenen ist”, erblickten, auch jene Überflieger betrachtet Plotin nicht ohne Skepsis.

Als wolle er noch einmal den großen Bogen spannen von den ersten Erörterungen darüber, was die Lust tauge hinsichtlich des höheren und eigentlichen Zieles, der Welt des Geistes, holt er von dort aus, wo die griechische Philosophie sich in zwei Lager gespalten hatte; er beschwört den vom Eros beseelten als den wahren Sinnsucher, den, der mit der Nachhaltigkeit eines sinnlichen Menschen im Dasein verweilt und dennoch aufbricht, wo es gilt, ein Dahinter oder ein Darüber zu erforschen. Und so passiert Plotin die Stationen des menschlichen Daseins und verleiht jeder Lebensstufe eine eigene Wertigkeit.
 
Wir erinnern uns an Diotima, die schon zu Zeiten Platons etwas aus der Mode gekommen war, die Liebeslehrerin des großen Sokrates,  wenn wir die folgenden Zeilen lesen:

Hingelangen zum Ort des Ewigen, dem Ort des Geistes könne “derjenige, der seinem Wesen nach ein vom Eros Beseelter und seiner Verfassung nach von Anfange an wirklich ein Philosoph ist. Da er, vom Eros beseelt, Geburtsschmerzen um das Schöne leidet, sich aber ncht zufrieden gibt mit der ‘Schönheit im Körper’, sondern von ihr hinaufflüchtet zu den Schönheiten der Seele, steigt er dann wieder weiter hinauf zur Ursache der schönen Dinge in der Seele und weiter, wenn wieder etwas davor ist, bis er zum letzten kommt: dem ersten, das von sich aus schön ist. Wenn er dorthin gelangt ist, wird er auch dem Schmerz ein Ende setzen, vorher nicht.”

Die Antike greift noch einmal auf sich selbst zurück. Die Vielheit, die mit erschreckender Wucht auf den antiken Menschen eingedrungen ist, besinnt sich auf einen Geistesbegriff, der “von uns aus gesehen, vor dem ersten Ursprung war, in der Vorhalle des Guten”; der also quasi dort beheimatet ist, wo alles irgendwann einmal entstanden ist und wo die Annahme herrschte, dass man mit dem gleichen völlig naiven Wurf dorthin gelangen könne, wo der Mensch – verwirrt vom Vielen, erschöpft von den Versuchen, dem Schicksal Herr zu werden, noch einmal beginnen könne. Dorthin, von wo wir alle einmal gekommen sind: Aus dem Milieu des ewigen Chaos, dem Hafen des Ursprungs. Dennoch: im Beweglichen, niemals Aufzuhaltenden; und auch hier muss Eros wieder einmal Pate stehn.