Archiv für Januar 2007

Das Andere des Körpers: Innenraum “Seele”

Ein Beitrag zum Themengebiet 4_Vom Platonismus zum Neoplatonismus, geschrieben am 24. Januar 2007 von Chamcham

Augustinus blickt skeptisch auf die Behaglichkeit des antiken Menschen, der sich aufgehoben fühlte im Universum und keinerlei Zweifel hegte, ob denn alles seinen Sinn und Zweck habe. Er vermutete, …

„…dass das Daseinsgefühl des antiken Menschen, im Kosmos eingebettet und getragen zu sein, gefährlich trügerisch war.“

Trügerisch hinsichtlich der Wahrnehmung, da der Körper, wie Augustinus annahm, als Richtlinie für die komplexe Wirklichkeit, wie er sie seit einem Bekehrungserlebnis erfahren hatte, nicht taugen konnte. Eher hinderlich war diese körperliche Hülle, wenn es darum ging, auf eine metaphysische Ebene hindurchzudringen, die den antiken Kosmos sprengen sollte.

Eines Nachmittags, so erzählt die Legende, legt sich Augustinus, durch eine Krise geschüttelt und verunsichert, unter einen Feigenbaum und grübelt; er beginnt zu weinen, als ihm seine Unzulänglichkeit bewußt wird, da hört er eine Kinderstimme: “Nimm und lies!” In einer Bibel liest er die folgende Textstelle: „Nicht in Fressen und Saufen, nicht in Wollust und Unzucht, nicht in Hader und Neid, sondern ziehet den Herrn Jesus Christus an und pflegt das Fleisch nicht zur Erregung eurer Lüste.“ (Römer 13, 13–14). Nach dem Lesen dieser Stelle strömte eine tiefe Gewissheit und Frieden in sein Herz.

Seiner Biographie ist zu entnehmen, dass er sich von seiner Lebensgefährtin trennte, von der er ein Kind hatte. Er beschloss, sein Leben in Kontemplation zu verbringen und keinen Beischlaf mehr zu praktizieren.

So die Legende. So das Leben. In der Tat hat Augustinus seinerzeit eine äußerst strenge Linie gezogen zwischen dem, was sein früheres Leben ausmachte und dem, was nun als prägende neue Denkweise sein persönliches Leben, das gesamte Mittelalter, die Philosophiegeschichte bis in die Neuzeit und – last not least – die römisch-katholische Kirche formten und formen.

Ein neuer, anderer Raum musste geschaffen werden, der dem entgegenstand, was als dominierend materielle Wirklichkeit erfahren wurde. Die Gegenwelt war ein Inneres, in dem der Mensch die Möglichkeit hatte, sich zurückzuziehen von allen äußerlichen Bedingungen und Forderungen. Eine Innenwelt, die Augustinus und die sogenannten Neuplatoniker erst noch ausleuchten und ergründen wollten.

Sie eröffneten mit dem Innenraum Seele einen Ort, der quasi frei war von allem Endlichen und Bedingten, nirgendwo begann und nirgendwo endete. Der Begegnung des Menschen mit einem namenlosen göttlichen Wesen fand darin statt, es tat sich dort eine nährenden Lichtquelle auf und ein göttliches Gegenüber wurde mit “Du” angesprochen. Ein Sphäre des “sowohl als auch”, eine Metaphysik, für die weder Zeit noch Raum Gültigkeit hatten.

„Suche nicht draußen! Kehre in dich selbst zurück! Im Innern des Menschen wohnt die Wahrheit.” (De vera religione 39, 72f.)

Wie war das doch gleich?

Ein Beitrag zum Themengebiet 4_Vom Platonismus zum Neoplatonismus, geschrieben am 23. Januar 2007 von Chamcham

Erinnern wir uns an das Höhlengleichnis von Platon, ja richtig, jenes Gleichnis, mit dem Platon den Weg der Erkenntnis skizziert und die mangelnde Bereitschaft dazu tadelt.

Da sitzen sie in einer Höhle, sie sind seit ihrer Kindheit gefesselt; sie können weder den Körper bewegen, noch den Kopf wenden und halten den Schatten, den sie und ihre Mitgefangenen werfen, für die einzige mögliche Wahrheit.

Was würde passieren, wenn man die Gefangenen auf das lodernde Feuer in der Höhle blicken lassen würde. Und was erst, wenn einer von ihnen vor die Höhle treten würde?

Würde ein Befreiter erkennen, dass die Sonne und das Feuer die Schatten werfen? Und die Schatten nicht die einzige Wahrheit sind? Vermutlich würde einer, der draussen war, nicht mehr zurück wollen in die dunkle Höhle, so mutmasst Platon. Oder wäre die Angst vor der Reaktion der Mitgefangenen größer als der Wunsch nach Freiheit?

Wie auch immer der Befreite sich entscheiden wird. Platon erörtert bereits an dem Beispiel eines ersten geistigen Erwachens die Abhängigkeit des Wissensstandes vom Standort. Wahrheit als solches, kein Standardwert ohne Einschränkungen; der Blick darauf, der Weg der Erkenntnis ist das entscheidende Kriterium für eine sich allmählich verschärfende Wahrnehmung.

Augustinus, ein wichtiger Denker des christlichen Abendlandes, macht sich vieles aus dem platonischen Erbe zu Eigen. Auch seiner Ansicht nach ist es nicht das Wesentliche an der Wahrheit, dass sie per se existiere, sondern dass der Mensch an der Wahrheit teilhabe und innerhalb seines Erkenntnisvermögens einen Teil davon erfahre, was die Wirklichkeit des Göttlichen ausmache.

Grundvoraussetzung für Erkenntnis nach Platon ist, dass alles Erfahren, Lernen und Erkennen auf Wiedererinnerung an eine uns allen innewohnende allgemeine Idee beruht. Dies wird im Zuge der christlichen Ausrichtung allerdings Mittel zum Zweck. WEIL etwas in uns wohnt, das sich nach dem Göttlichen sehnt, ist die Existenz des Göttlichen bewiesen.

Weitere Forderung Augustinus bei der Etablierung eines christlich-philosophischen Denksystems ist neuerdings die Zugehörigkeit zur Kirche:

“Wir Christen glauben und lehren, ja, unser Heil hängt daran, dass Philosphie, das heißt Weisheitsstreben und Religion nicht voneinander verschieden sind.”
Augustinus, de vera religione, V.8

Ein schwieriges Unterfangen. An die platonische Denkschule anzuschliessen, aber eine wesentliche Grundvoraussetzung dieser Schule, die Weite und Freiheit eines individuellen Denkweges, auszuschliessen. Möglicherweise muss sich ein System hier erst einmal etablieren. Möglicherweise erst einmal erfinden. Sicherheitshalber: Erst die Thesen, dann die Erkenntnis.

Muss der Mensch ab sofort die Zugehörigkeit zur “richtigen Religion” beweisen und darf er erst dann – innerhalb dieses Kontextes – denken?