Archiv für Dezember 2006

Weihnachts-Geschichte

Ein Beitrag zum Themengebiet 1_Allgemeines, i_Intermezzo, geschrieben am 22. Dezember 2006 von Chamcham

„diu gnâde diu anegengete sih an dirre naht: von diu heizet si diu wîhe naht.“
(Die Gnade (Gottes) kam zu uns in dieser Nacht: deshalb heißt diese nunmehr Weihnacht).

“Und es begab sich zu der Zeit …”
Die Zeit: das Lichtfest, die Geburt des Sonnengotts Mithras. Am 25. Dezember gebar eine Jungfrau den Aion, den Sohn eines Vatergottes, der gekommen war, um die Welt zu retten. Die Jungfrau hat geboren, das Licht geht auf.

Der Gott Mithras war in Persien schon im 14. Jhd. vor Chr. bekannt und ist vermutlich identisch mit dem altindischen Mitra. In Indien und im Iran war Mitra ein Gott des Bundes, der Sonne, bzw. ein Lichtgott.

Und wieder einmal wurde es Zeit. Es war die Zeit, als die Mutter eines griechischen Halbgottes umherirrte, um einen Ort zu finden, an dem sie ihr göttliches Kind gebären kann: Dyonisos, der Sohn des großen Zeus, sollte das Licht der Welt erblicken. Irgendwo zwischen Himmel, Weinseeligkeit und extatischen Festen bewegte sich der Gott des Weinstocks. 

Etwas später begab es sich, dass der Kaiser Augustus den Befehl erließ, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen.  So ging auch Josef mit seiner Maria nach Judäa in die Stadt Davids, die Bethlehem heißt; denn daher stammte Josef. Und als sie dort ankamen, bekam Maria heftige Wehen. Sie gebar ihren Sohn Jesus, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe. Warum denn? Naja, in der Herberge war kein Platz mehr für sie. Jetzt kommt das mit den Hirten auf dem freien Felde. Ihr wisst schon.

Doch vorher noch mal einen Blick auf die Weltgeschichte. Wie ging das nun weiter. Inzwischen fanden einige Juden hellenistischer Prägung Gefallen an den griechischen Götterdarstellungen und wollten die Statuen der schönen Ideale im Tempel zu Jerusalem aufstellen. Stopp. In der jüdischen Tradition gibt es noch immer das Bilderverbot. Bei aller Liebe zu fremden Kulturen. Das hier ist das Lichterfest. Und so kommt es, dass bis heute mit Chanukka, dem jüdischen Lichterfest, an die Wiedereinweihung des zweiten jüdischen Tempels in Jerusalem im jüdischen Jahr 3597 (164 v. Chr.) nach dem erfolgreichen Makkabäeraufstand der Juden Palästinas gegen hellenisierte Juden erinnert wird.

“Weihnachten”, “Weynacht”, die “wihe nacht”.
Unter den Christen war man sich lange nicht sicher, ob Christus nicht etwa im Mai geboren sei; die Ostkirche einigte sich auf den 6 Januar. Ein römischer Beschluss gab schließlich den 25. Januar dafür aus. Unsicher, so die ersten Schreiber des Mittelalters hinsichtlich der Frage, ob es sich wirklich um ein rein christliches Fest handle; das Weihnachtsfest, so kursierte die Vermutung, sei durch die “heyden in das christenthumb kommen”.  Weye: wer oder was sollte hier geweiht werden? Besser nicht nachfragen …

Luther ging pragmatisch vor und dachte an ‘wiegen’ um damit aller Fragerei ein Ende zu bereiten. Er feierte Wygenachten, „da wir das kindlein wiegen“ (Lit.: Luther Bd. 2, 531 und 37, 48).

Familienfest, bis heute, so sagt man. Es winkt derzeit der heilige Sankt Nikolaus, übrigens ein türkischer Landsmann, mit einer roten Mütze von jedem zweiten Schornstein herunter und erinnert uns daran, dass Weihnachten ist. Die rote Mütze hat er aus der Coca Cola Werbung.

Trotzdem und genau deswegen: Ein schönes Lichterfest Euch allen.

Herzliche Grüße, die Chamcham

Quo vadis Europa

Ein Beitrag zum Themengebiet 4_Vom Platonismus zum Neoplatonismus, geschrieben am 10. Dezember 2006 von Chamcham

Während die Herrschaftsverhältnisse allmählich von den Römern diktiert werden, die Bildung nach wie vor nach hellenistischem Muster ausfällt, entwickeln sich neue religiöse Strömungen vom hellenistischen Polytheismus hin zu einer jüdisch-christlichen monotheistischen Lehre. Ein gewisser  Philo von Alexandria werkelt einstweilen an einer hellenistisch-jüdischen Ideenschmiede. Wesentliche These ist dabei eine völlige Trennung – nicht nur die Unterscheidung – von rein geistiger Welt und sinnlich wahrnehmbarer Welt.
Nach der stoischen Erkenntnislehre (die Interpretation platonischen Gedankenguts, Stoa genannt) wird nur als wahr erkannt, was mittels einer vernunftgesteuertem Wahrnehmung, dem “Organ der Auffassung” unmittelbar einleuchtet. Demnach gelangt nur der selbst beherrschte Mensch zu zutreffenden Wahrnehmungen, während ein von Trieben und Gefühlen geleiteter Mensch zur Erfassung der Wahrheit und dem gemäßen Handeln unfähig ist.
Voraussetzung dafür ist eine ausgeprägte Affektkontrolle, die zur Freiheit von Leidenschaften (Apathie), zu Selbstgenügsamkeit (Autarkie) und Unerschütterlichkeit (Ataraxie) führen soll. Unser heutiger Begriff der „stoischen Ruhe“ geht auf diese Eigenschaften zurück.

Was geschieht inzwischen mit der Seele, der Empfindung. Und in letzter Instanz: mit Gott?
Philo von Alexandrien knüpft an den Gedanken Platons an, wonach der Körper das Gefängnis der Seele sei. Die Seele muss befreit werden, und das geschieht laut Philo durch Entkörperlichung. Nur in einem rein geistigen Bereich ist Gottesschau möglich. Da Gott allerdings nach jüdischem Selbstverständnis „der ganz Andere“ ist, nicht also vom Menschen erkannt werden kann, geht es lediglich darum, ein Abstraktum anzunehmen. Ein Räderwerk. Das Gesetz.
Der von allem überflüssigen Beiwerk und menschlichen Unarten befreite Gott steht als Sinnbild da für das höchste Ziel des Menschen: seine Vervollkommnung. Bemerkenswert: einmal der trivialen Kräfte seiner Selbst befreit ist es dem Menschen offenbar nicht mehr möglich, diesen letzten optimalen Zustand aus eigener Kraft zu erreichen.
Durch völlige Hingabe an das Prinzip Vollkommenheit, auch Gott genannt, habe, so Philo, der Mensch aber durchaus eine Chance, diesen End-Zustand zu erreichen. Wer dort jemals gewesen sein mag? Schwer zu sagen …

Bei den jüdischen Rabbinern stiess Philo von Alexandria indes auf wenig Verständnis, offenbar waren seine Ideen doch etwas realitätsfremd. Allerdings: im christlichen Umfeld wurden viele seiner Ideen weitergesponnen. Erst kürzlich habe ich mich gewundert, dass der Papst in seiner berühmt-berüchtigten Rede den Hellenismus, den jüdischen Monotheismus, und – last not least – den christlichen Glauben auf engstem Raum zusammenführt. Quo vadis? Wird hier die alte stoische Vernunftstugend noch einmal aufgewärmt?