Leben im Garten: Epikur
Ein Beitrag zum Themengebiet 3_Epikurs Garten, geschrieben am 16. Oktober 2006 von ChamchamEiner, der sich unbehaglich fühlte angesichts der Behauptung, dass alles, aber auch schlichtweg alles ohne jeden Irrweg oder Umweg durch eine dem Weltganzen innewohnende Gesetzlichkeit funktioniere, war Epikur.
Er schlug vor, sich einmal wieder mit dem Tisch zu befassen: mit dem Stück Holz, das mal dazu dient, eine Vase darauf zu stellen, ein ander Mal einfach dazu, die Arme darauf abzustützen. Einfach Tisch eben. Und nicht etwa dem Tisch mit der Eröffnung einer Lehre beizukommen, dem “Tischismus”, um damit allen Tischen zugleich gerecht zu werden. Der Ordnung “dahinter” stellte Epikur eine erste Ordnung entgegeben: die der tatsächlichen Wahrnehmung. Und insofern war es erlaubt, neben der Ordnung der Dinge eine gewisse Unordnung – Zufälle und Chaos – einzuräumen und all dies mit einem gelassenen Schmunzeln zu quittieren.
Wen interessiert das Weltganze, wenn im beschaulichen Kreis unter Freunden eine Welt so gestaltet werden kann, dass sie den einfach Ansprüchen eines sorgenfreien und neidlosen Lebens genügt, wo Wollen und Können noch konkrete Größen sind?

Epikur schloss um sich herum einen Kreis von Schülern und Freunden und begab sich in seinen Garten, einen überschaubaren Ort, quasi als exemplarischen Rahmen für die Erforschung des Lebens, das da draussen vor den Toren des Gartens so anders nun auch nicht ausfallen konnte. Zumindest war in diesem kleinen Rahmen eine Sicherheit geboten, die der ständigen Gefährdung durch das Außen trotzte.
Mitten in den wilden Zeiten der Diadochenkriegen sehnte man sich nach einem sicheren Hafen, einem Ort, wo man eine gewisse Unabhängigkeit von den Außendingen gewinnen konnte.
Die Stoiker sahen in den Leidenschaften, durch die sich der Mensch den äußeren Einflüssen unterwarf, den Hauptfeind der inneren Freiheit und der Seelenruhe. Das führte bis hin zur völligen Unterdrückung des Gefühlslebens, der Forderung der “Apathie”.
“Atarexie” – gleichmäßige Seelenruhe – hielt Epikur dem entgegen; d.h., eine frohe Stimmung, die nicht von äußeren Umständen abhing, sondern aus der bewußten Betätigung im eigenen, privaten Leben floss; ein Glück, das sich einstelle durch das augenblicklich Gute, nicht erst durch das Erreichen von Wohlstand oder irgendeines fernen Zieles.
Ja nun. Ist das nicht ein wenig farblos? Leben ohne Ausschweifung, ohne die Zigarre danach, das Stück Schokolade nach einem reichlichen Essen? Richtig, damit kommen wir bei Epikur an. Rüben und Kraut, ein wenig Wein und viel Vernunft, was so viel heisst, mit dem Wissen über mögliche Folgen zu agieren.
Hinter dem Gartenzaun Epikurs spielte sich keineswegs das ab, was Gegner dem selbstgenügsamen Epikur anhängen wollten. Ein gewisser Seneca (4 vor – 65 n. Chr.) räumt Jahrhunderte später ein, dass Epikur nicht als Gewährsmann für lust- und triebgesteuertes Leben herhalten könne und empfindet Achtung für seine Lehre:
“Ich bin der Ansicht”, schreibt dieser, “- ich möchte dies auch gegen den Widerspruch unserer Schulgenossen (= der Stoiker) sagen – dass Epikurs Lebenslehre rein und richtig (…) ist. Denn was er Lust nennt, läuft auf eine harmlose und kümmerliche Sache hinaus. (…) Zu wenig aber ist für ein ausschweifendes Genussleben, was der Natur genügt. Was ergibt sich daraus? Wer ein Faulenzerdasein und wechselnde Genüsse des Gaumens und der Sinnenlust Glück nennt, sucht für eine schlechte Sache einen guten Gewährsmann.”