Der Diskurs um die Lust im antiken Griechenland ist (unter anderem auch)
entstanden vor dem Hintergrund der Frage: darf der Mensch das Ziel verfolgen, glücklich zu sein oder zu werden, auch wenn eine Ethik / Moralvorstellung dies anders sieht? Darf der Mensch selbst fühlen, denken, handeln. Dagegen stand die Gruppe, der Staat. Das Kollektiv, das den Einsatz des Einzelnen für das Gruppenziel der Gemeinschaft forderte.
Lust war dabei keineswegs ständig mit Sex im Bunde. Am liebsten machte man die Probe aufs Exempel mit dem Beispiel Essensaufnahme. Wer Hunger hat, empfindet Un-Lust, also ein unangenehmes Gefühl, ein Gefühl des Mangels. Wer isst, der empfindet Lust, und zwar umso mehr, desto gesättigter er sich fühlt. Ein Gefühl der Übersättigung wäre wieder der Un-Lust zuzuordnen, da es sich aus dem Ziel und Zweck des Essens herauslöst. Die Sache braucht ein gutes Maß.
In diesem Kontext hat man sich auch Gedanken darüber gemacht, wer oder was das gute Maß bestimmen könnte. Platons Weltodrdnung war der Kosmos mit einem Oben und Unten. Wer sich an einer übergeordneten Idee orienterte, einem Maß über allen Dingen, der habe sich damit ein gutes Ziel gesteckt. Nach Platon war die einzige erstrebenswerte Lust im übrigen die Lust an der Erkenntnis.
Überraschender Weise begegnen wir in diesem platonischen Diskurs über Eros im Dialog zwischen Sokrates und Diotima der selbstbewußten These einer Sophistin, die das Glück des einzelnen über die Forderung der Gruppennorm stellt.
Nachdem Diotima also Zweifel geäußert hat daran, dass Eros schön sei, vergewissert sich Sokrates:
“Was soll das heißen, Diotima? Ist also Eros häßlich und schlecht?
Sie aber sprach: Frevle nicht! Oder glaubst du, was nicht schön ist, das sei deshalb auch notwendigerweise schon häßlich?
Freilich glaube ich das. (Sokrates)
(Diotima fragt weiter) Auch was nicht weise ist, sei deshalb schon unwissend?
Oder weißt du nicht, daß es ein Mittleres zwischen Weisheit und Unverstand gibt?
Ein großer Dämon, lieber Sokrates; denn alles Dämonische ist eben das Mittelglied zwischen Gott und Mensch.
Welche Aufgabe hat es denn?
Dolmetsch und Bote zu sein von den Menschen bei den Göttern und von den Göttern bei den Menschen, von den einen für ihre Gebete und Opfer, von den andern für ihre Befehle und ihre Vergeltungen der Opfer, und so die Kluft zwischen beiden auszufüllen, so daß durch seine Vermittlung das All sich mit sich selber zusammenbindet. (…) Nämlich nicht unmittelbar tritt die Gottheit mit dem Menschen in Berührung, sondern durch seine Vermittlung geht aller Verkehr und alle Zwiesprache der Götter mit den Menschen im Wachen wie im Schlafe. Und wer dieser Dinge kundig ist, der ist ein dämonenbeseelter, wer aber irgend eines anderen in Künsten oder Gewerben kundig ist, der ist bloß ein handwerksmäßiger Mann. Solcher Dämonen gibt es nun viele und von mannigfacher Art; einer von Ihnen ist aber auch Eros.”
Ganz ähnlich so die Diskussion um die Lust. Die Lust könne keinen Wert als solches darstellen, weil sie keine eindeutig identifizierbare Größe darstelle, sie sei stets im Wandel begriffen … hier noch Lust, dort schon wieder Unlust. Untauglich, um daraus einen Wert für alle abzuleiten.
Da fährt Diotima in ihrer Rede weiter:
Wer des Schönen begehrt, was ist dem dabei der eigentliche Zweck seines Begehrens?
Daß es ihm zuteil werde, war meine (Sokrates’) Antwort.
Diese Erwiderung, wandte sie ein, bedarf einer neuen Frage: Was wird denn dem damit zuteil, welchem das Schöne zuteil wird?
Auf diese Frage, gestand ich, habe ich nicht mehr sogleich eine rechte Antwort zur Hand.
Nun, erwiderte sie, wie, wenn jemand statt des Schönen das Gute setzte und dich dann fragte:
Wohlan, Sokrates, wer das Gute liebt, was begehrt der eigentlich damit?
Daß es ihm zuteil werde, war meine Entgegnung.
Und was wird jenem zuteil, dem das Gute zuteil wird? Das, erwiderte ich, kann ich leichter beantworten:
er wird glückselig.
Denn durch den Besitz des Guten, fügte sie hinzu, sind die Glückseligen glückselig. Und nun bedarf es nicht mehr der weiteren Frage: Was erstrebt derjenige eigentlich damit, welcher glückselig zu sein wünscht? Sondern hier scheint die Antwort am Ziele angelangt zu sein.
In der sokratischen Philosphie war es üblich, zu einem ‘Letzten’ zu gelangen, einem über allen Fragen stehendes Prinzip zu erörtern, indem man einfach weiterbohrte mit Fragestellungen. Das ‘dahinter’ war gefragt. Interessanterweise aber führt Diotima dieses Prinzip durch, landet aber keineswegs auf der Ebene eines allgemein gültigen Zielpunktes, sondern eben auf einer ganz allgemeinen – fast banal-individuellen Annahme: der Mensch will glücklich sein.
Genügt das als letztes Ziel? Im Moment wohl erst mal eine offene Frage. Die Forderung, dass der Mensch allein bestimmen könne, wie er zu seinem Glück gelangt, ist auch Thema eines gewissen Epikurs, der immer wieder in Opposition zur Ideenlehre Platons zitiert wird.
Aber davon ein ander Mal.