Archiv für September 2006

Mythos versus Logos

Ein Beitrag zum Themengebiet 2_Diotimas Erben, geschrieben am 27. September 2006 von Chamcham

Ein Streit, der noch lange andauern sollte, findet eine Form. Da sind die, die sich im Bild aufhalten und brillieren mit dem Verweis auf alles Lebendige, alles Seiende, “Scheinbare”, wie ihnen immer wieder vorgehalten wird; die Sophisten.

Und dann gibt es noch die, die mit dem Logos einen Ausgangspunkt markieren, der alles zuvor Dagewesene, Erzählte, im Mythos verdichtete, erdichtete – dem furchterregenden Zerfall anheim gegebene – in den Schatten stellen sollte. Die Weltsicht der Stoiker.
Ein Kampf zwischen der im steten Fluss befindlichen sinnlichen Welt und dem Reich des Einen, Immateriellen, über allem Wandel erhabenen Geist, dem Reich der Idee, für die Platon sich nicht scheute, auch mal Gott Zeus zu setzen.

Die Wahrheit des Seins? Gleichwohl. Man wusste um deren Unerreichbarkeit. Aber eben die Annahme eines großen Zusammenhangs als verlässlichen Seinsgrund und einem fest definierten Ziel sollte den Weltenlauf markieren. Sinn durch das Wissen, dass es ein objektiv messbares Fortschreiten gibt.

So seis. Allerdings zog der platonische Kampf um die Gottheit als Inbegriff des Guten und Vollkommenen einen verschärften Dualismus nach sich. Die böse Weltseele, der leidige Rest, widerstrebte fortan dem Wirken des Göttlichen und trieb ein böses Eigenleben.

Sehr sympathisch finde ich beim Aufstieg zum Einen, Wahren, Schönen, etc., dennoch das Detail, dass diese Rangelei quasi ein Kunstwerk schafft, in dem es sich aufzuhalten gilt. Es wird gedrückt und gekniffen, geohrfeigt – und gelacht.
Schallend gelacht. Mehrfache Sichtweisen sind möglich. Will Platon doch zeigen, was Sprache – nicht nur die allseits bewunderte Plastik – auch kann: mehrperspektivisch, vieldeutig sein. Nein, er hat durchaus was gelernt von den Sophisten, die er so gerne belächelt.

Der Dialog bei Platon ist immerhin Ausdruck für eine wechselseitige Bezogenheit, die gemeinsame Suche nach der Wahrheit. Es wird ausgefochten, um letzte Klarheit über das Wie und Warum des neuen Raumes zu finden. Unter den Tisch gekehrt wird nichts. “Das Andere der Vernunft”, ein Buchtitel aus unserer Zeit.

Damals noch undenkbar, dass man an das sogenannte Andere jemals wieder erinnern müsste …

Sublimierung als Gedankenakt

Ein Beitrag zum Themengebiet 2_Diotimas Erben, geschrieben am 6. September 2006 von Chamcham

Nein, nicht die umständlichen Verrenkungen von angehenden Yogis haben wir hier, die dem Fruchbarkeitsritual der Frauen auf die Schliche kommen wollen. Es wird nicht geschwitzt, nicht transformiert, nicht gehechelt und nicht gelitten.
Wozu denn auch. Die Philosphen der Antike wussten sich anders zu helfen. Sublimierung als Gedankenakt.

Erinnert uns Diotima an eine matriarchalische Vorvergangenheit, so erinnert uns Sokrates daran, dass ihre Zeit wohl abgelaufen sei.

Der peloponnesische Krieg markiert die Anforderungen der neuen Zeit. Eine allgmeinverbindliche Sicht muss her. Die gemeinsame Matrix wird dringlicher, wo die Dimension der Auseinandersetzungen das gewohnte Maß übersteigt: es ist Krieg!

Dennoch: unsere Dame aus der Fremde bleibt Teil des Duells, sie wird sogar als Gallionsfigur eingespannt. Denn jetzt geht es höher, schneller, weiter. Auf ein neues. Ein neues Loblied.

“Sokrates”, wendet sie ein. “Du magst mir ja bisher gefolgt sein, aber kannst du mir auch weiter folgen?”
Und so führt sie ein Vier-Stufen Modell ein, vom bunten querfeldein-Vögeln bis hin zur Erkenntnis des wahren Schönen, bei dem es einem grad mal schwindlig werden kann.

Also. Erste Stufe: Vögeln mit vielen desselben Geschlechts, und zwar unter Anleitung. Fruchtbare Reden schöpfen aus der Erkenntnis, dass die Sache Spass macht. Achtung: keine frühzeitige Fokussierung; dumm auch, wer sich verliebt.
PS: Selber lesen, wer diese heeren Reden einem Platon nicht zutrauen mag. Außerdem lesenswert: ein interessanter Artikel zum Thema “Homosexualität in Griechenland‿.

Zweite Stufe: Vögeln mit vielen – aber jetzt auch mit denen, die nicht wirklich schön genannt werden können. Lektion: die Seele sei höher zu schätzen als ein schöner Body.

Und drittens: das Schöne hat auch was zu tun mit der Gesellschaftsordnung. Deshalb: weitervögeln, guter Dinge sein und dem Staat auch weiterhin ein paar schöne Reden schenken. Lektion die dritte: alles hängt mit allem zusammen.

Viertens: der Weisheit letzter Schluss. Die Erkenntnis des Wandels. Gar nicht so dumm. Der Platon. Ob das mal wirklich die Idee einer Diotima gewesen wäre? Immerhin: das Prinzip der Universalität folgt sogleich.
Einmal genug gevögelt, genug der Reden, genug jetzt: die Erkenntnis ist diese, dass der Eindruck des Ewigen dort entsteht, wo wir vor uns sehen, was gerade heranwächst.
Die Erinnerung an das eigene Leben lebt wieder auf mit Blick auf die heran wachsende Nachkommenschaft. Und weil wir uns erinnern, und weil uns das Leben das Werden und Vergehen als ein Ewiges vorspielt, so haben wir die Möglichkeit, am Ewigen teilzunehmen, auch wenn uns das Vergängliche nur allzu bewußt ist.

Genug der Reden. Schön, mag man an dieser Stelle sagen. In der Tat. Schön und zu schön um wirklich zu sein. Sokrates begegnet einem seiner jungen Liebhabern, der ihm angeblich verbietet, anderen Männern nachzuschaun. Tja, ein Augenzwinkern Platons? Wenn wir so genau wüßten, wer hier was gemeint und gesagt hat.

Es ist eben schwer, alle mit ins Boot hineinzunehmen. Keine Theorie, mag sie noch so schön sein, hat diese Macht. Oder doch?

Die Gesprächsrunde löst sich irgendwann auf. Betrunken gehen alle nach Haus. Sokrates nimmt noch ein Bad. Ja und so endet das Gastmahl. Von Diotima hat man nie wieder gehört.

Der Diskurs um die Lust

Ein Beitrag zum Themengebiet 2_Diotimas Erben, geschrieben am 2. September 2006 von Chamcham

Der Diskurs um die Lust im antiken Griechenland ist (unter anderem auch) entstanden vor dem Hintergrund der Frage: darf der Mensch das Ziel verfolgen, glücklich zu sein oder zu werden, auch wenn eine Ethik / Moralvorstellung dies anders sieht? Darf der Mensch selbst fühlen, denken, handeln. Dagegen stand die Gruppe, der Staat. Das Kollektiv, das den Einsatz des Einzelnen für das Gruppenziel der Gemeinschaft forderte.

Lust war dabei keineswegs ständig mit Sex im Bunde. Am liebsten machte man die Probe aufs Exempel mit dem Beispiel Essensaufnahme. Wer Hunger hat, empfindet Un-Lust, also ein unangenehmes Gefühl, ein Gefühl des Mangels. Wer isst, der empfindet Lust, und zwar umso mehr, desto gesättigter er sich fühlt. Ein Gefühl der Übersättigung wäre wieder der Un-Lust zuzuordnen, da es sich aus dem Ziel und Zweck des Essens herauslöst. Die Sache braucht ein gutes Maß.

In diesem Kontext hat man sich auch Gedanken darüber gemacht, wer oder was das gute Maß bestimmen könnte. Platons Weltodrdnung war der Kosmos mit einem Oben und Unten. Wer sich an einer übergeordneten Idee orienterte, einem Maß über allen Dingen, der habe sich damit ein gutes Ziel gesteckt. Nach Platon war die einzige erstrebenswerte Lust im übrigen die Lust an der Erkenntnis.
Überraschender Weise begegnen wir in diesem platonischen Diskurs über Eros im Dialog zwischen Sokrates und Diotima der selbstbewußten These einer Sophistin, die das Glück des einzelnen über die Forderung der Gruppennorm stellt.

Nachdem Diotima also Zweifel geäußert hat daran, dass Eros schön sei, vergewissert sich Sokrates:

“Was soll das heißen, Diotima? Ist also Eros häßlich und schlecht?
Sie aber sprach: Frevle nicht! Oder glaubst du, was nicht schön ist, das sei deshalb auch notwendigerweise schon häßlich?
Freilich glaube ich das.
(Sokrates)
(Diotima fragt weiter) Auch was nicht weise ist, sei deshalb schon unwissend?
Oder weißt du nicht, daß es ein Mittleres zwischen Weisheit und Unverstand gibt?
Ein großer Dämon, lieber Sokrates; denn alles Dämonische ist eben das Mittelglied zwischen Gott und Mensch.
Welche Aufgabe hat es denn?
Dolmetsch und Bote zu sein von den Menschen bei den Göttern und von den Göttern bei den Menschen, von den einen für ihre Gebete und Opfer, von den andern für ihre Befehle und ihre Vergeltungen der Opfer, und so die Kluft zwischen beiden auszufüllen, so daß durch seine Vermittlung das All sich mit sich selber zusammenbindet. (…) Nämlich nicht unmittelbar tritt die Gottheit mit dem Menschen in Berührung, sondern durch seine Vermittlung geht aller Verkehr und alle Zwiesprache der Götter mit den Menschen im Wachen wie im Schlafe. Und wer dieser Dinge kundig ist, der ist ein
dämonenbeseelter, wer aber irgend eines anderen in Künsten oder Gewerben kundig ist, der ist bloß ein handwerksmäßiger Mann. Solcher Dämonen gibt es nun viele und von mannigfacher Art; einer von Ihnen ist aber auch Eros.”

Ganz ähnlich so die Diskussion um die Lust. Die Lust könne keinen Wert als solches darstellen, weil sie keine eindeutig identifizierbare Größe darstelle, sie sei stets im Wandel begriffen … hier noch Lust, dort schon wieder Unlust. Untauglich, um daraus einen Wert für alle abzuleiten.

Da fährt Diotima in ihrer Rede weiter:

Wer des Schönen begehrt, was ist dem dabei der eigentliche Zweck seines Begehrens?
Daß es ihm zuteil werde, war meine (Sokrates’) Antwort.
Diese Erwiderung, wandte sie ein, bedarf einer neuen Frage: Was wird denn dem damit zuteil, welchem das Schöne zuteil wird?
Auf diese Frage, gestand ich, habe ich nicht mehr sogleich eine rechte Antwort zur Hand.
Nun, erwiderte sie, wie, wenn jemand statt des Schönen das Gute setzte und dich dann fragte:
Wohlan, Sokrates, wer das Gute liebt, was begehrt der eigentlich damit?
Daß es ihm zuteil werde, war meine Entgegnung.
Und was wird jenem zuteil, dem das Gute zuteil wird? Das, erwiderte ich, kann ich leichter beantworten:
er wird glückselig.
Denn durch den Besitz des Guten, fügte sie hinzu, sind die Glückseligen glückselig. Und nun bedarf es nicht mehr der weiteren Frage: Was erstrebt derjenige eigentlich damit, welcher glückselig zu sein wünscht? Sondern hier scheint die Antwort am Ziele angelangt zu sein.

In der sokratischen Philosphie war es üblich,  zu einem ‘Letzten’ zu gelangen, einem über allen Fragen stehendes Prinzip zu erörtern, indem man einfach weiterbohrte mit Fragestellungen. Das ‘dahinter’ war gefragt. Interessanterweise aber führt Diotima dieses Prinzip durch, landet aber keineswegs auf der Ebene eines allgemein gültigen Zielpunktes,  sondern eben auf einer ganz allgemeinen – fast  banal-individuellen Annahme: der Mensch will glücklich sein.

Genügt das als letztes Ziel? Im Moment wohl erst mal eine offene Frage. Die Forderung, dass der Mensch allein bestimmen könne, wie er zu seinem Glück gelangt, ist auch Thema eines gewissen Epikurs, der immer wieder in Opposition zur Ideenlehre Platons zitiert wird.

Aber davon ein ander Mal.