Archiv für das Themengebiet '4_Vom Platonismus zum Neoplatonismus'

Ursprungs-Denken

Ein Beitrag zum Themengebiet 4_Vom Platonismus zum Neoplatonismus, geschrieben am 26. Juli 2007 von Chamcham

Der Mensch ist sich selbst und seiner Umwelt fremd geworden. Hat er wohl vergessen, wo er herkommt?
Laut Plotin spiegelt sich das Verhältnis des Menschen zu Gott im Verhältnis des Menschen zu sich selbst und seinen Mitmenschen wider. Wer Gott als den eigentlichen Ursprung vergesse, vergesse letzlich seine Identität, Wert und Eigenart.

Fatal: die Setzung „Ich“ versus die Welt als „Andersheit“, d.h., sich selbst als getrennt vom großen EINEN zu setzen.  
Ein Spieglein-Spieglein an der Wand: der Blick in den Kosmos, die Vielheit, die im Ursprung, als Keim noch kompakt und damit verstehbar ist, soll den Menschen davor bewahren, sich in tausend Kleinigkeiten zu verlieren.
Worum es geht? Um das Denken des EINEN. Plotin sagt „Gott“, sagt „Vater“. Nicht etwa im christlichen oder herkömmlich religiösen Sinne. Er spricht im Sinne eines natürlich gewachsenen Zusammenhalts, im Bild der Familie. Diese Möglichkeit eines gelebten Bezogenseins realisiert sich in der Erinnerung an unseren Ursprung, sie schafft Sinn und bewahrt im Menschen Selbstachtung und Wertebewußtsein.    

„Was hat denn eigentlich die Seelen ihres Vaters Gott vergessen lassen und bewirkt, dass sie, obgleich Teile aus jener Welt und gänzlich Jenem angehörig, ihr eigenes Wesen sowenig wie Jenen mehr kennen? Nun, der Ursprung des Übels war ihr Fürwitz, das Eingehen ins Werden, die erste Andersheit, auch der Wille sich selbst zu gehören.
An dieser ihrer Selbstbestimmung hatten sie, als sie denn in die Erscheinung getreten waren, Freude, sie gaben sich reichlich der Eigenbewegung hin, so liefen sie den Gegenweg und gerieten in einen weiten Abstand: und daher verlernten sie auch, dass sie selbst von dort oben stammten; wie Kinder die gleich vom Vater getrennt und lange Zeit in der Ferne aufgezogen werden, sich selbst wie ihren Vater nicht mehr kennen.

Da die Seelen nun sich selbst nicht und Jenen nicht mehr sahen, achteten sie sich selbst gering aus Unkenntnis ihrer Herkunft, achteten aber das Andere hoch, hatten vor allem mehr Respekt als vor sich selbst, waren von dem Anderen hingerissen, staunten es an, hängten sich daran, und so rissen sie sich soweit als möglich los von dem, dem sie geringschätzig den Rücken gekehrt hatten.
Somit ergibt sich, dass der Grund für das gänzliche Vergessen jenes Oberen die Hochachtung vor dem Irdischen und die Missachtung ihrer selbst ist. Denn ein Wesen, das etwas bewundert und ihm nachjagt, gesteht eben durch diese Bewunderung und dies Nachjagen ein, ihm unterlegen zu sein; indem es sich aber selbst für geringer schätzt als die Dinge die da werden und vergehen, indem es sich für unwerter und sterblicher hält als all die Dinge die es hochschätzt, kann es niemals den Gedanken von Gottes Wesen und Kraft fassen.“
(aus: Seele – Geist – Eines)

Der wahre Philosoph: ein vom Eros Beseelter

Ein Beitrag zum Themengebiet 2_Diotimas Erben, 4_Vom Platonismus zum Neoplatonismus, geschrieben am 28. Mai 2007 von Chamcham

Etwa zu der Zeit, als die große Epoche antiker Zivilisation ihrem Ende entgegen sah, ruft ein gewisser Plotin seinen Schülern noch einmal das berühmte platonische Eros-Motiv einer gewissen Diotima in Erinnerung: die obere Welt, die Welt des Geistes, sei nicht für jeden zugänglich, und zwar weder für den gleichgültigen und materiell orientierten Menschen, noch für jenen, der die Sinne und den Körper verachtete. Nein, hingelangen könne, wer vom Eros beseelt sei.

Was Plotin damit meint, wird in den eröffnenden Zeilen seiner Schrift “Über den Geist, die Ideen und das Seiende”, deutlich: Die allermeisten Menschen gäben sich bereits mit dem, was sie in der sinnlich wahrnehmbaren Welt vorfänden, zufrieden.

“Indem sie das Schmerzliche und das Lustvolle in ihr (der Welt) zum einen als Übel, zum anderen als Gut auffassen, glauben sie, damit sei es genug und so sind sie ständig damit beschäftigt, dem einen nachzujagen, das andere aber loszuwerden. (…) Gleichsam wie die schwerfälligen Vögel, die, da sie viel von der Erde aufgenommen haben und schwer geworden sind, nicht in die Höhe fliegen können.”

Die Spezie Mensch, die sich mit aller Kraft in die Welt des Geistes “gleichsam über die Wolken und den Dunst dieser Welt hinaus” bewege und von dort aus alles Irdische, alles “Hiesige aus Freude an dem Ort, der wahr und ihr eigenen ist”, erblickten, auch jene Überflieger betrachtet Plotin nicht ohne Skepsis.

Als wolle er noch einmal den großen Bogen spannen von den ersten Erörterungen darüber, was die Lust tauge hinsichtlich des höheren und eigentlichen Zieles, der Welt des Geistes, holt er von dort aus, wo die griechische Philosophie sich in zwei Lager gespalten hatte; er beschwört den vom Eros beseelten als den wahren Sinnsucher, den, der mit der Nachhaltigkeit eines sinnlichen Menschen im Dasein verweilt und dennoch aufbricht, wo es gilt, ein Dahinter oder ein Darüber zu erforschen. Und so passiert Plotin die Stationen des menschlichen Daseins und verleiht jeder Lebensstufe eine eigene Wertigkeit.
 
Wir erinnern uns an Diotima, die schon zu Zeiten Platons etwas aus der Mode gekommen war, die Liebeslehrerin des großen Sokrates,  wenn wir die folgenden Zeilen lesen:

Hingelangen zum Ort des Ewigen, dem Ort des Geistes könne “derjenige, der seinem Wesen nach ein vom Eros Beseelter und seiner Verfassung nach von Anfange an wirklich ein Philosoph ist. Da er, vom Eros beseelt, Geburtsschmerzen um das Schöne leidet, sich aber ncht zufrieden gibt mit der ‘Schönheit im Körper’, sondern von ihr hinaufflüchtet zu den Schönheiten der Seele, steigt er dann wieder weiter hinauf zur Ursache der schönen Dinge in der Seele und weiter, wenn wieder etwas davor ist, bis er zum letzten kommt: dem ersten, das von sich aus schön ist. Wenn er dorthin gelangt ist, wird er auch dem Schmerz ein Ende setzen, vorher nicht.”

Die Antike greift noch einmal auf sich selbst zurück. Die Vielheit, die mit erschreckender Wucht auf den antiken Menschen eingedrungen ist, besinnt sich auf einen Geistesbegriff, der “von uns aus gesehen, vor dem ersten Ursprung war, in der Vorhalle des Guten”; der also quasi dort beheimatet ist, wo alles irgendwann einmal entstanden ist und wo die Annahme herrschte, dass man mit dem gleichen völlig naiven Wurf dorthin gelangen könne, wo der Mensch – verwirrt vom Vielen, erschöpft von den Versuchen, dem Schicksal Herr zu werden, noch einmal beginnen könne. Dorthin, von wo wir alle einmal gekommen sind: Aus dem Milieu des ewigen Chaos, dem Hafen des Ursprungs. Dennoch: im Beweglichen, niemals Aufzuhaltenden; und auch hier muss Eros wieder einmal Pate stehn. 

 

Das Andere des Körpers: Innenraum “Seele”

Ein Beitrag zum Themengebiet 4_Vom Platonismus zum Neoplatonismus, geschrieben am 24. Januar 2007 von Chamcham

Augustinus blickt skeptisch auf die Behaglichkeit des antiken Menschen, der sich aufgehoben fühlte im Universum und keinerlei Zweifel hegte, ob denn alles seinen Sinn und Zweck habe. Er vermutete, …

„…dass das Daseinsgefühl des antiken Menschen, im Kosmos eingebettet und getragen zu sein, gefährlich trügerisch war.“

Trügerisch hinsichtlich der Wahrnehmung, da der Körper, wie Augustinus annahm, als Richtlinie für die komplexe Wirklichkeit, wie er sie seit einem Bekehrungserlebnis erfahren hatte, nicht taugen konnte. Eher hinderlich war diese körperliche Hülle, wenn es darum ging, auf eine metaphysische Ebene hindurchzudringen, die den antiken Kosmos sprengen sollte.

Eines Nachmittags, so erzählt die Legende, legt sich Augustinus, durch eine Krise geschüttelt und verunsichert, unter einen Feigenbaum und grübelt; er beginnt zu weinen, als ihm seine Unzulänglichkeit bewußt wird, da hört er eine Kinderstimme: “Nimm und lies!” In einer Bibel liest er die folgende Textstelle: „Nicht in Fressen und Saufen, nicht in Wollust und Unzucht, nicht in Hader und Neid, sondern ziehet den Herrn Jesus Christus an und pflegt das Fleisch nicht zur Erregung eurer Lüste.“ (Römer 13, 13–14). Nach dem Lesen dieser Stelle strömte eine tiefe Gewissheit und Frieden in sein Herz.

Seiner Biographie ist zu entnehmen, dass er sich von seiner Lebensgefährtin trennte, von der er ein Kind hatte. Er beschloss, sein Leben in Kontemplation zu verbringen und keinen Beischlaf mehr zu praktizieren.

So die Legende. So das Leben. In der Tat hat Augustinus seinerzeit eine äußerst strenge Linie gezogen zwischen dem, was sein früheres Leben ausmachte und dem, was nun als prägende neue Denkweise sein persönliches Leben, das gesamte Mittelalter, die Philosophiegeschichte bis in die Neuzeit und – last not least – die römisch-katholische Kirche formten und formen.

Ein neuer, anderer Raum musste geschaffen werden, der dem entgegenstand, was als dominierend materielle Wirklichkeit erfahren wurde. Die Gegenwelt war ein Inneres, in dem der Mensch die Möglichkeit hatte, sich zurückzuziehen von allen äußerlichen Bedingungen und Forderungen. Eine Innenwelt, die Augustinus und die sogenannten Neuplatoniker erst noch ausleuchten und ergründen wollten.

Sie eröffneten mit dem Innenraum Seele einen Ort, der quasi frei war von allem Endlichen und Bedingten, nirgendwo begann und nirgendwo endete. Der Begegnung des Menschen mit einem namenlosen göttlichen Wesen fand darin statt, es tat sich dort eine nährenden Lichtquelle auf und ein göttliches Gegenüber wurde mit “Du” angesprochen. Ein Sphäre des “sowohl als auch”, eine Metaphysik, für die weder Zeit noch Raum Gültigkeit hatten.

„Suche nicht draußen! Kehre in dich selbst zurück! Im Innern des Menschen wohnt die Wahrheit.” (De vera religione 39, 72f.)