Archiv für das Themengebiet '3_Epikurs Garten'

Körper-Denken

Ein Beitrag zum Themengebiet 3_Epikurs Garten, geschrieben am 22. November 2006 von Chamcham

“Formen, Größe, Schwere, und was sonst noch vom Körper ausgesagt wird, mag es entweder allen oder wenigstens den sichtbaren Körpern zugehörig und allein durch die Wahrnehmung erkennbar sein, dürfen wir nicht für selbstständige Wesenheiten halten; denn das können wir uns nicht vorstellen. Wir vermögen sie aber auch nicht gänzlich als nicht bestehend anzunehmen noch zu glauben, sie seien irgend etwas Unkörperliches, noch dass sie Teile von ihm sind. Wir müssen vielmehr dafür halten, dass der ganze Körper überhaupt aus allem diesem sein eigenes immerwährendes Wesen erhält. Alle diese Eigenschaften können als einzeln begriffen und unterschieden werden, doch immer so, dass das Ganze mit dabei gedacht wird und sich in keiner Weise davon absondert. Vielmehr erhält es gerade durch die Vorstellung des Gesamten erst seine Bezeichnung als Körper.”
(Aus:
Epikur an Herodotos)

 

Einzeln und dennoch in einem Gesamtkontext gedacht, “wahr”-genommen. Der Frage entlang: kann ich mir das noch vorstellen? Und immer dort, wo Gehörtes, eine vage Annahme oder eine allgemeine Formel  – die rein gedachte These – geglaubt oder nachgeplappert werden soll: Stopp.

Kannst du noch das Ganze dabei denken? Und das alles am Beispiel des Körpers. Der eigenen Empfindung. Unserer ganz individuellen Wahrnehmung.

Ganzheitlichkeit auf griechisch. An der Schwelle zum Utilitarismus der römischen Denkschule knüpft Epikur noch einmal das unbedingte Band eigens gespürter Zusammenhänge.

Wider die Angst

Ein Beitrag zum Themengebiet 3_Epikurs Garten, geschrieben am 3. November 2006 von Chamcham

Da war gerade mal der fest gedachte Boden einer idealen Polis ins Wanken geraten und schon schlug ein Epikur vor, in kleinen überschaubaren Kreisen zu philosophieren und nicht an die neue Weltmacht, die Römer, Wissen und Gewissen zu verschleudern. Die Römer, feiste Burschen, deren Leben das Militär war, hielten die Denke des beliebten und gern gelesenen Epikurs für weibisch. Die Christenlegion, auf dem Weg ins heilige römische Reich, hatte zudem eine höllische Angst vor dem Vielschreiber, für den sich jegliche Ethik erübrigte, da die eigene Stellungnahme wichtiger sei als jede Doktin.

Die Stoiker wurden indes mit ins Boot genommen, da sie eine vertikale Ordnung für gut hiessen; ein klares Oben mit klaren Befehlen; ein-deutig, woher und wohin. So zumindest wurde die griechische Antike sehr zum Wohle des Heiligen Römischen Reiches ausgelegt.

Epikur hatte eigentlich nur ein einziges Rezept wider die Angst. Wohlbefinden nicht abhängig zu machen von äußeren, tagesaktuellen Bedingungen. Aber manchmal sind einfache Rezepte Sprengstoff für jene, die lebenslang an den Konzepten für die Anderen gebastelt haben.

Harmlos oder gefährlich?

“Wer die notwendige Sicherheit erreicht hat, kann sich dem lustvollen Leben im Freundeskreis hingeben. Klage über einen frühzeitigen Tod eines Mitgliedes dieses Kreises ist überflüssig, da es auf die Zeitdauer nicht ankommt, wenn der Mensch einmal das Ziel des glückseligen Lebens der wahren Lust erreicht hat.” (Epikurs Hauptlehrsätze, XXXIX)

 

Leben im Garten: Epikur

Ein Beitrag zum Themengebiet 3_Epikurs Garten, geschrieben am 16. Oktober 2006 von Chamcham

Einer, der sich unbehaglich fühlte angesichts der Behauptung, dass alles, aber auch schlichtweg alles ohne jeden Irrweg oder Umweg durch eine dem Weltganzen innewohnende Gesetzlichkeit funktioniere, war Epikur.

Er schlug vor, sich einmal wieder mit dem Tisch zu befassen: mit dem Stück Holz, das mal dazu dient, eine Vase darauf zu stellen, ein ander Mal einfach dazu, die Arme darauf abzustützen. Einfach Tisch eben. Und nicht etwa dem Tisch mit der Eröffnung einer Lehre beizukommen, dem “Tischismus”, um damit allen Tischen zugleich gerecht zu werden. Der Ordnung “dahinter” stellte Epikur eine erste Ordnung entgegeben: die der tatsächlichen Wahrnehmung. Und insofern war es erlaubt, neben der Ordnung der Dinge eine gewisse Unordnung – Zufälle und Chaos – einzuräumen und all dies mit einem gelassenen Schmunzeln zu quittieren.

Wen interessiert das Weltganze, wenn im beschaulichen Kreis unter Freunden eine Welt so gestaltet werden kann, dass sie den einfach Ansprüchen eines sorgenfreien und neidlosen Lebens genügt, wo Wollen und Können noch konkrete Größen sind?

Epikur schloss um sich herum einen Kreis von Schülern und Freunden und begab sich in seinen Garten, einen überschaubaren Ort, quasi als exemplarischen Rahmen für die Erforschung des Lebens, das da draussen vor den Toren des Gartens so anders nun auch nicht ausfallen konnte. Zumindest war in diesem kleinen Rahmen eine Sicherheit geboten, die der ständigen Gefährdung durch das Außen trotzte.

Mitten in den wilden Zeiten der Diadochenkriegen sehnte man sich nach einem sicheren Hafen, einem Ort, wo man eine gewisse Unabhängigkeit von den Außendingen gewinnen konnte.

Die Stoiker sahen in den Leidenschaften, durch die sich der Mensch den äußeren Einflüssen unterwarf, den Hauptfeind der inneren Freiheit und der Seelenruhe. Das führte bis hin zur völligen Unterdrückung des Gefühlslebens, der Forderung der “Apathie”.

“Atarexie” – gleichmäßige Seelenruhe – hielt Epikur dem entgegen; d.h., eine frohe Stimmung, die nicht von äußeren Umständen abhing, sondern aus der bewußten Betätigung im eigenen, privaten Leben floss; ein Glück, das sich einstelle durch das augenblicklich Gute, nicht erst durch das Erreichen von Wohlstand oder irgendeines fernen Zieles.

Ja nun. Ist das nicht ein wenig farblos? Leben ohne Ausschweifung, ohne die Zigarre danach, das Stück Schokolade nach einem reichlichen Essen? Richtig, damit kommen wir bei Epikur an. Rüben und Kraut, ein wenig Wein und viel Vernunft, was so viel heisst, mit dem Wissen über mögliche Folgen zu agieren.

Hinter dem Gartenzaun Epikurs spielte sich keineswegs das ab, was Gegner dem selbstgenügsamen Epikur anhängen wollten. Ein gewisser Seneca (4 vor – 65 n. Chr.) räumt Jahrhunderte später ein, dass Epikur nicht als Gewährsmann für lust- und triebgesteuertes Leben herhalten könne und empfindet Achtung für seine Lehre:

“Ich bin der Ansicht”, schreibt dieser, “- ich möchte dies auch gegen den Widerspruch unserer Schulgenossen (= der Stoiker) sagen – dass Epikurs Lebenslehre rein und richtig (…) ist. Denn was er Lust nennt, läuft auf eine harmlose und kümmerliche Sache hinaus. (…) Zu wenig aber ist für ein ausschweifendes Genussleben, was der Natur genügt. Was ergibt sich daraus? Wer ein Faulenzerdasein und wechselnde Genüsse des Gaumens und der Sinnenlust Glück nennt, sucht für eine schlechte Sache einen guten Gewährsmann.”