Archiv für das Themengebiet '2_Diotimas Erben'

Diotima – eine weise Frau?

Ein Beitrag zum Themengebiet 2_Diotimas Erben, geschrieben am 13. Juni 2008 von Chamcham

Was ist eigentlich Weisheit, das wurde ich kürzlich gefragt. Große Frage, großes Staunen. Ja was ist das eigentlich. Wir haben einen einigermaßen sicheren Begriff von dem, was Wissen ist, das ist ungefähr das, was fast alles erklärt, auch das, wonach gar keiner fragt. Irgendwo gehortet im Bücherregal oder in den Datenbanken, es fängt mit Wiki an und hört mit irgendeiner Domainendung auf. Wissen, immer präsent. Abrufbereit.  

Aber Weisheit? Diotima wurde einst in der Männerrunde des Symposiums zitiert, weil sie bekannt war als eine weise Frau. Man erinnerte sich an ein Gespräch zwischen ihr und Sokrates. Sie wisse fast alles über die Liebe. Vielmehr als das: sie sei weise.

Und so will ich dich denn (…) eine Rede über den Eros, welche ich einst von einer Mantineerin namens Diotima gehört habe, welche hierin und auch sonst sehr weise war, (…) versuchen euch zu wiederholen …

Was genau macht Diotima zu einer weisen Frau? 

Erstens: sie eröffnet den Zwischenraum. Eros ist weder gut noch böse, weder schön noch hässlich, Eros ist ein Gott des Da-Zwischen. Diotima entschlüsselt uns also den Reichtum der vielen Töne zwischen Schwarz und Weiß und fordert uns auf, einzutreten in das dichte Reich der Phänomene.

Zweitens: Bedürftigkeit ist ein hohes Gut. Nicht die Zufriedenheit, der Stand des Endlich-Wissens ist weise, sondern der dringliche Wunsch, weiter zu kommen mit den Fragen, Wünschen, einer Sehnsucht, die ein Mehr an Wissen auch dort sucht, wo der Publikumsgeschmack sich einmal nicht hinwendet.

Drittens: Mut zum Scheitern ist ein Schritt zur Weisheit. Da strebt der Mensch ewig nach dem Schönen. Um festzustellen, dass das Schöne auch im Nicht-Schönen vorhanden ist? Frustrierend. Dennoch: Weiterschauen. Räume ausloten, nein, hier waren wir noch nicht. Ach, das Schöne ist nicht das, wonach wir gesucht haben? Interessant. Diotima meint: es sei unser Verlangen nach dem Teilhaftig-werden. Wir wollen zeugen im Milieu des Schönen. Eigentlich wollen wir aber unsterblich sein. Mit dem Erzeugten: dem Lied, einer schönen Rede, einem Kind, das uns ähnlich ist. Ja, der Wunsch nach Unsterblichkeit ist es, wonach wir suchen.

Viertens: Ein Ewiges zu hinterlassen verlangt nichts weiter. Alles ist durchdrungen, alles ist schon da. Das ist Weisheit. Nicht Wissen. Warum? Weil es eben in seiner Komplexität durchschritten wurde. Im Außen: im Messen, Be-messen, Fragen und Antworten, den Höhen, Tiefen, Ab-gründen und sonstigen Gründen. Im Inneren: Dem Erfahrungsraum des Eigenen. Der Antwort der höchst subjektiven Instanz: ja, ich liebe. Und im Da-zwischen, im Zwiegespräch von Geist, der das Außen eruiert und dem Innern, dem körperlichen Empfinden, ist Eros. Ein Weiser.
 

Der wahre Philosoph: ein vom Eros Beseelter

Ein Beitrag zum Themengebiet 2_Diotimas Erben, 4_Vom Platonismus zum Neoplatonismus, geschrieben am 28. Mai 2007 von Chamcham

Etwa zu der Zeit, als die große Epoche antiker Zivilisation ihrem Ende entgegen sah, ruft ein gewisser Plotin seinen Schülern noch einmal das berühmte platonische Eros-Motiv einer gewissen Diotima in Erinnerung: die obere Welt, die Welt des Geistes, sei nicht für jeden zugänglich, und zwar weder für den gleichgültigen und materiell orientierten Menschen, noch für jenen, der die Sinne und den Körper verachtete. Nein, hingelangen könne, wer vom Eros beseelt sei.

Was Plotin damit meint, wird in den eröffnenden Zeilen seiner Schrift “Über den Geist, die Ideen und das Seiende”, deutlich: Die allermeisten Menschen gäben sich bereits mit dem, was sie in der sinnlich wahrnehmbaren Welt vorfänden, zufrieden.

“Indem sie das Schmerzliche und das Lustvolle in ihr (der Welt) zum einen als Übel, zum anderen als Gut auffassen, glauben sie, damit sei es genug und so sind sie ständig damit beschäftigt, dem einen nachzujagen, das andere aber loszuwerden. (…) Gleichsam wie die schwerfälligen Vögel, die, da sie viel von der Erde aufgenommen haben und schwer geworden sind, nicht in die Höhe fliegen können.”

Die Spezie Mensch, die sich mit aller Kraft in die Welt des Geistes “gleichsam über die Wolken und den Dunst dieser Welt hinaus” bewege und von dort aus alles Irdische, alles “Hiesige aus Freude an dem Ort, der wahr und ihr eigenen ist”, erblickten, auch jene Überflieger betrachtet Plotin nicht ohne Skepsis.

Als wolle er noch einmal den großen Bogen spannen von den ersten Erörterungen darüber, was die Lust tauge hinsichtlich des höheren und eigentlichen Zieles, der Welt des Geistes, holt er von dort aus, wo die griechische Philosophie sich in zwei Lager gespalten hatte; er beschwört den vom Eros beseelten als den wahren Sinnsucher, den, der mit der Nachhaltigkeit eines sinnlichen Menschen im Dasein verweilt und dennoch aufbricht, wo es gilt, ein Dahinter oder ein Darüber zu erforschen. Und so passiert Plotin die Stationen des menschlichen Daseins und verleiht jeder Lebensstufe eine eigene Wertigkeit.
 
Wir erinnern uns an Diotima, die schon zu Zeiten Platons etwas aus der Mode gekommen war, die Liebeslehrerin des großen Sokrates,  wenn wir die folgenden Zeilen lesen:

Hingelangen zum Ort des Ewigen, dem Ort des Geistes könne “derjenige, der seinem Wesen nach ein vom Eros Beseelter und seiner Verfassung nach von Anfange an wirklich ein Philosoph ist. Da er, vom Eros beseelt, Geburtsschmerzen um das Schöne leidet, sich aber ncht zufrieden gibt mit der ‘Schönheit im Körper’, sondern von ihr hinaufflüchtet zu den Schönheiten der Seele, steigt er dann wieder weiter hinauf zur Ursache der schönen Dinge in der Seele und weiter, wenn wieder etwas davor ist, bis er zum letzten kommt: dem ersten, das von sich aus schön ist. Wenn er dorthin gelangt ist, wird er auch dem Schmerz ein Ende setzen, vorher nicht.”

Die Antike greift noch einmal auf sich selbst zurück. Die Vielheit, die mit erschreckender Wucht auf den antiken Menschen eingedrungen ist, besinnt sich auf einen Geistesbegriff, der “von uns aus gesehen, vor dem ersten Ursprung war, in der Vorhalle des Guten”; der also quasi dort beheimatet ist, wo alles irgendwann einmal entstanden ist und wo die Annahme herrschte, dass man mit dem gleichen völlig naiven Wurf dorthin gelangen könne, wo der Mensch – verwirrt vom Vielen, erschöpft von den Versuchen, dem Schicksal Herr zu werden, noch einmal beginnen könne. Dorthin, von wo wir alle einmal gekommen sind: Aus dem Milieu des ewigen Chaos, dem Hafen des Ursprungs. Dennoch: im Beweglichen, niemals Aufzuhaltenden; und auch hier muss Eros wieder einmal Pate stehn. 

 

Mythos versus Logos

Ein Beitrag zum Themengebiet 2_Diotimas Erben, geschrieben am 27. September 2006 von Chamcham

Ein Streit, der noch lange andauern sollte, findet eine Form. Da sind die, die sich im Bild aufhalten und brillieren mit dem Verweis auf alles Lebendige, alles Seiende, “Scheinbare”, wie ihnen immer wieder vorgehalten wird; die Sophisten.

Und dann gibt es noch die, die mit dem Logos einen Ausgangspunkt markieren, der alles zuvor Dagewesene, Erzählte, im Mythos verdichtete, erdichtete – dem furchterregenden Zerfall anheim gegebene – in den Schatten stellen sollte. Die Weltsicht der Stoiker.
Ein Kampf zwischen der im steten Fluss befindlichen sinnlichen Welt und dem Reich des Einen, Immateriellen, über allem Wandel erhabenen Geist, dem Reich der Idee, für die Platon sich nicht scheute, auch mal Gott Zeus zu setzen.

Die Wahrheit des Seins? Gleichwohl. Man wusste um deren Unerreichbarkeit. Aber eben die Annahme eines großen Zusammenhangs als verlässlichen Seinsgrund und einem fest definierten Ziel sollte den Weltenlauf markieren. Sinn durch das Wissen, dass es ein objektiv messbares Fortschreiten gibt.

So seis. Allerdings zog der platonische Kampf um die Gottheit als Inbegriff des Guten und Vollkommenen einen verschärften Dualismus nach sich. Die böse Weltseele, der leidige Rest, widerstrebte fortan dem Wirken des Göttlichen und trieb ein böses Eigenleben.

Sehr sympathisch finde ich beim Aufstieg zum Einen, Wahren, Schönen, etc., dennoch das Detail, dass diese Rangelei quasi ein Kunstwerk schafft, in dem es sich aufzuhalten gilt. Es wird gedrückt und gekniffen, geohrfeigt – und gelacht.
Schallend gelacht. Mehrfache Sichtweisen sind möglich. Will Platon doch zeigen, was Sprache – nicht nur die allseits bewunderte Plastik – auch kann: mehrperspektivisch, vieldeutig sein. Nein, er hat durchaus was gelernt von den Sophisten, die er so gerne belächelt.

Der Dialog bei Platon ist immerhin Ausdruck für eine wechselseitige Bezogenheit, die gemeinsame Suche nach der Wahrheit. Es wird ausgefochten, um letzte Klarheit über das Wie und Warum des neuen Raumes zu finden. Unter den Tisch gekehrt wird nichts. “Das Andere der Vernunft”, ein Buchtitel aus unserer Zeit.

Damals noch undenkbar, dass man an das sogenannte Andere jemals wieder erinnern müsste …