Abaelard bereute seine “Tat”, war bereit, mit Heloise eine Ehe einzugehen, doch der Onkel von Heloise lässt Abaelard überfallen und veranlasst dessen Entmannung. Dieser überlebt die Verstümmelung und tritt tief gedemütigt in die Abtei Saint-Denis ein.
Was bewegt wohl einen Menschen, der bisher kühn seine Sache vertreten hatte, sich derart zurücksetzen zu lassen, Demütigungen hinzunehmen und dem System Kirche durch einen reumütigen Rückzug ins Kloster Recht zu geben?
Auch wenn es heutzutage nicht mehr nachvollziehbar scheint, so beschreibt der Satz “extra ecclesiam nulla salus” die subtile Taktik eines Systems, das Schutz und Heil garantierte, jedoch nur innerhalb dieser Mauern: „Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil!“. Es mag wie eine Verschwörungsformel gegen all die, die draußen stehen, klingen. Für einen Denker des 12. Jahrhunderts war es eine Realität: leben, denken und handeln konnte man nur innerhalb der Kirche, wer sich auch nur einen Schritt aus diesem Gefüge traute, verlor seine Daseinsberechtigung.
Doch nicht genug damit. Der ehemalige Lehrer Abaelards, Rocellinus, der einst seinen Schüler zu seinen gewagten Gedanken ermutigt hatte, schreibt ihm folgenden Schmähbrief:
Certus sum autem, quod masculini generis nomen, si a suo genere deciderit, rem solitam significare recusabit. Solent enim nomina propria significationem amittere, cum eorum significata contigerit a sua perfectione recedere. Neque enim ablato tecto vel pariete domus, sed imperfecta domus vocabitur. Sublata igitur parte, quae hominem facit, non Petrus, sed imperfectus Petrus appellandus es. –
Ich bin mir sicher, dass ein Begriff männlichen Geschlechts seine Signifikanz verliert, wenn das Geschlecht entfallen ist. Es verlieren nämlich Eigennamen ihre Bedeutung, wenn das mit ihnen Bezeichnete seine Vollkommenheit verloren hat. Wenn einem Haus eine Wand oder ein Dach fehlt, dann wird es unvollständiges Haus genannt. Wenn dir also deine Männlichkeit abhanden gekommen ist, dann muss man dich nicht Peter, sondern unvollständiger Peter nennen.
Als würde sich ein Jahrhundert noch einmal in seinem absoluten Denkgefüge suhlen und damit allem weiteren Fortschritt trotzen können, wird der Fragende, Liebende und Denkende an den Pranger gestellt: hier könnt ihr sehen, wie es einem geht, der es wagt, ohne den Segen der Kirche zu denken.
Es war ein Leichtes, Abaelards moderne Ansätze schlicht fallen zu lassen. Die Gedankenlinie, die von der philosophischen Schule Aristoteles bis hin zu einer logisch durchdachten Religiosität reichen sollte, war mit einem einzigen Argument entkräftet: der „unvollständige Peter“ (= imperfectus Petrus) sorgte noch lange für Gelächter.
Die blinden Blindenführer (= perversi pervertentes) wie Abaelard die Gegner seiner Denkschule nannte, jene, die die Bedeutung der Logik für das Verständnis des Glaubens ablehnten, hatten noch eine Schonfrist.